Vom Leben bei Nacht, in Höhlen und in den Tiefen der Meere

Exponat zum Anfassen – so nah kommt man den Tieren der Dunkelheit

In der Sonderausstellung „Life in the Dark“ am Londoner Natural History Museum kann man Tiere kennenlernen, die in der Dunkelheit zuhause sind.

Begegnungen von Angesicht zu Angesicht mit den Wesen der Dunkelheit verspricht die aktuelle Sonderausstellung „Life in the Dark“ („Leben im Dunkeln“) am Londoner Natural History Museum. Wir sind gespannt, was uns jenseits des Tageslichts erwarten wird. Gleich am Eingang zur Ausstellung begrüßt uns das Präparat eines Rotfuchses (Vulpes vulpes), welches man, wie viele andere Exponate hier, tatsächlich anfassen darf. Rotfüchse werden erst mit Einbruch der Dämmerung aktiv und nutzen das Licht von Mond und Sternen, aber auch von Straßenlaternen und Gebäuden, um auf Nahrungssuche zu gehen. Dämmerungs- und nachtaktive Tiere haben oft besonders große und lichtempfindliche Augen, mit denen sie auch sehr schwaches Licht wahrnehmen können. Präparate von Waldkauz (Strix aluco), Östlichem Graukehl-Nachtaffen (Aotus trivirgatus) und Sulawesi-Koboldmaki (Tarsius spectrum) starren uns aus Vitrinen mit ihren übergroßen Glasaugen an. Zwischen einigen Baumstämmen, die diesen Teil der Ausstellung wie einen Wald wirken lassen, kann man diverse weitere Tierpräparate und Skelette entdecken und erfahren, wie diese Wesen an ihr nächtliches Leben angepasst sind.

Die großen Augen dieser nachtaktiven Tiere sind perfekt an schwaches Licht angepasst.

Sobald die Sonne untergeht, beginnen die Rufe der nachtaktiven Tiere zu ertönen. Bei vielen Arten dienen sie dazu, im Dunkel der Nacht potentielle Partner auf sich aufmerksam zu machen. Der Kakapo (Strigops habroptilus), ein flugunfähiger Papagei aus Neuseeland, zeichnet sich durch seine besonders lautstarken nächtlichen Paarungsrufe aus. Um zu rufen, setzt sich das Männchen in eine selbstgegrabene Mulde, die seine niederfrequenten Laute als Resonanzraum verstärkt. Doch auch im Schutz der Dunkelheit ist Vorsicht geboten, denn wer Geräusche erzeugt, verrät nicht nur den gewünschten Adressaten, wo er sich befindet. Der Gehörsinn ist bei vielen Tieren mit nächtlicher Lebensweise besonders leistungsfähig. Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) können mit ihren großen Ohren beispielsweise schon im Inneren ihres Baus hören, ob es sicher ist, diesen zu verlassen. Die zunehmende Lichtverschmutzung durch den Menschen macht vielen Nachttieren zu schaffen. Der zu den Nachtreihern gehörende Kahnschnabel (Cochlearius cochlearius) ist nur ein Beispiel unter vielen. Dieser Vogel begibt sich nur im Dunkeln auf Nahrungssuche und fühlt sich durch künstliches Licht äußerst leicht gestört.

Fledermäuse orientieren sich bei ihrer nächtlichen Jagd mittels Echoortung. Den Ortungsrufen, die sie dazu ausstoßen, kann man in der Ausstellung an Hörstationen lauschen. Die hochfrequenten Laute wurden dafür so modifiziert, dass sie für den Menschen wahrnehmbar sind. Darüber hinaus kann man sich auch Geräusche anhören, die bestimmte Nachtfalter erzeugen. Sie gehören zur Leibspeise von Fledermäusen und versuchen deren Echoortung mit ihren schrillen Lauten durcheinanderzubringen.

Der Ausstellungsraum ist einer Höhle nachempfunden.

Durch einen Gang, von dessen Decke schwarze fledermausförmige Objekte hängen, die durch das flackernde Licht fast lebendig wirken, gelangen wir in den nächsten Teil der Ausstellung, welcher das Leben in Höhlen behandelt. Unterirdische Hohlräume bieten einen äußerst stabilen Lebensraum, der Tieren Schutz vor Witterung und Temperaturschwankungen bietet. Aber das Leben unter der Erde birgt auch Herausforderungen; und die permanente Dunkelheit ist eine davon. Ähnlich den Fledermäusen haben auch einige höhlenbewohnende Vögel im Laufe der Evolution die Fähigkeit zur Echoortung entwickelt. Verschiedene Arten der zu den Seglern gehörenden Salanganen (Collocaliini), die ihre Nester in großen Kolonien an den steilen Wänden von Höhlen bauen, orientieren sich auf diese Weise, wenn sie durch die Dunkelheit fliegen.

Dank ihrer langen und empfindlichen Vorderbeine kommt die Geißelspinne Euphrynichus bacillifer gut in dunklen Höhlen zurecht.

Rund neunzig Prozent aller Höhlen auf der Erde sind vermutlich bislang unerforscht und es gibt noch viele unbekannte Arten von Höhlentieren zu entdecken (wie die erst 2015 aus Brasilien beschriebenen blinden Weberknechte). Beeindruckende Filmaufnahmen von Tauchgängen in mit Meerwasser gefluteten, teils klaustrophobisch engen Gängen zeigen, wie Höhlenkundler die unterirdische Welt mit Tauchausrüstung und jeder Menge Abenteuerlust erkunden. In der Ausstellung gibt es sogar lebende Höhlentiere zu sehen. In einem Aquarium schwimmen augenlose bleiche Fische. Es handelt sich um Blinde Höhlensalmler (Astyanax mexicanus) aus Mexiko. Die Vorfahren dieser Fische lebten einst in oberirdischen Gewässern. Als der Wasserstand in ihrem Lebensraum sank, wurden sie in unterirdischen Hohlräumen eingeschlossen. Über Generationen in absoluter Dunkelheit verloren die Fische nicht nur ihre Farbe, sondern auch ihr Sehvermögen. Andere Sinne, wie die Wahrnehmung von Druckwellen im Wasser mittels ihres Seitenlinienorgans, wurden hingegen schärfer. Auch Tast- und Geruchssinn sind bei Höhlentieren oft besonders gut entwickelt. Eine präparierte Geißelspinne der Art Euphrynichus bacillifer liegt in einem Schaukasten. Diese, mit den Webspinnen nur entfernt verwandten, Spinnentiere nehmen mit ihrem äußerst langen ersten Laufbeinpaar auch feinste Luftbewegungen wahr und packen blitzschnell zu, sobald ihnen ein Beutetier zu nahe kommt.

Der tiefseebewohnende Ringelwurm Eulagisca gigantea besitzt äußerst starke Mundwerkzeuge.

Der Großteil des Wassers in den Weltmeeren wird nicht von Sonnenlicht erhellt, denn mit zunehmender Meerestiefe steigt nicht nur der Druck; es wird auch immer dunkler. Ab rund tausend Metern Tiefe verschwindet das Licht völlig. In der Ausstellung sind Filmaufnahmen einer Tiefseeexpedition zu sehen. Gemächlich bewegt sich ein ferngesteuerter Tauchroboter auf der Suche nach Lebewesen über den Meeresboden. Die Unterwassererkundung mittels Robotern hat in den vergangenen Jahren viele neue Erkenntnisse über die einzigartigen Bewohner der Tiefsee geliefert (und heute kann sogar jeder per Livestream mit dabei sein). Die diversen Tiefseekreaturen, die in der Ausstellung zu sehen sind, wurden in Präparategläsern für die Ewigkeit konserviert. Darunter ist der räuberische Ringelwurm Eulagisca gigantea, der sich durch beeindruckend kräftige Kiefer auszeichnet, mit denen er auf dem Meeresboden seiner Beute nachstellt.

Die Lichtinstallation taucht die Exponate in ein schummriges Blau.

Ähnlich wie viele Höhlenbewohner verlassen sich auch zahlreiche Tiere, die in den Tiefen der Meere leben, auf ihren Geruchssinn, um wertvolle Nahrungsressourcen, wie beispielsweise verrottende Walkadaver, zu finden. Überraschend viele Tiefseetiere besitzen aber auch äußerst empfindliche Augen. Die Tiefsee ist nämlich keineswegs völlig lichtlos. Ein Großteil der Tiefseebewohner erzeugt selbst Licht; ein Vorgang, der als Biolumineszenz bezeichnet wird. Das so produzierte Licht kann dazu dienen, Beute zu sehen, anzulocken oder zu verwirren, Feinde zu vertreiben oder mit Artgenossen zu kommunizieren. Was für menschliche Augen nur als schwaches Leuchten erscheint, kann für die sensiblen Augen eines Tiefseefisches wie ein Feuerwerk wirken. Dies simulieren die über 1500 Leuchtdioden, die an der Decke des Ausstellungsraums installiert sind und diesen in ein bläuliches, auf- und abebbendes Licht tauchen. Wir sehen ein präpariertes Exemplar von Malacosteus niger aus der Familie der Barten-Drachenfische. Diese Fische besitzen sowohl Leuchtorgane für blaues als auch für rotes Licht. Das blaue Licht dient ihnen zum Beutefang. Rotes Licht ist in den Tiefen der Ozeane etwas ganz Besonderes: Nur sehr wenige Organismen können es erzeugen und wahrnehmen. Die Barten-Drachenfische nutzen es, um Partner anlocken, ohne dabei Feinde auf sich aufmerksam zu machen. Nachdem wir noch einige weitere Präparate biolumineszenter Tiefseetiere gesehen haben, nähern wir uns dem Ausgang. Wir verlassen die mondbeschienenen Wälder, dunklen Höhlengänge und leuchtenden Unterwasserwelten und widmen uns wieder dem Leben im Tageslicht.

Mit seinen Artgenossen kommuniziert der Barten-Drachenfisch Malacosteus niger mittels Rotlicht.

Die Sonderausstellung „Life in the Dark“ ist insgesamt relativ umfangreich und vermittelt viele Informationen. Die erklärenden Texte und Videos sind aber größtenteils angenehm kurz gehalten und durchweg unterhaltsam. Die Ausstellung lädt zum Entdecken ein; so kann man beispielsweise am eigenen Leib erfahren, wie streng Fledermauskot riecht und erleben, wie einige Schlangen ihre Umgebung mittels Infrarotstrahlung wahrnehmen. Außerdem ist es ausdrücklich erwünscht, bestimmte Exponate anzufassen. Wir fühlten uns wiederholt an die thematisch sehr ähnliche Sonderausstellung „Leben in der Dunkelheit“ erinnert, die vor einigen Jahren im LWL-Museum für Naturkunde in Münster gezeigt wurde. Die Ausstellung am Natural History Museum ist aber insgesamt weniger verspielt und setzt einen stärkeren Schwerpunkt auf die Exponate, was uns generell gut gefallen hat. Die präsentierten Informationen sind sehr aktuell und beinhalten auch neueste Forschungsergebnisse, was sicher unter anderem daran liegt, dass diverse Wissenschaftler in die Konzeption der Ausstellung einbezogen wurden. Wer dem Sonnenlicht für eine Weile entkommen will, muss sich allerdings beeilen; nur noch bis zum 24. Februar 2019 kann man den Wesen der Dunkelheit einen Besuch abstatten.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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