Der unentwirrbare Rattenkönig

1705 in Sondershausen gefundener Rattenkönig

Das Phänomen verknoteter Ratten gibt immer noch Rätsel auf.

Im Mittelalter stellte man sich vor, dass Gruppen von Ratten von einer besonders großen Ratte, einem sogenannten Rattenkönig, beherrscht würden. Dieser Rattenkönig sollte der Sage nach von den untergebenen Ratten gefüttert und auf einem Thron aus miteinander verbundenen Rattenschwänzen getragen werden. Dass eine solche königliche Ratte nicht existiert, stellte sich mit zunehmendem Wissen über die Lebensweise der Ratten heraus. Die Vorstellung eines Throns aus Rattenschwänzen geht allerdings tatsächlich auf ein seltenes, reales Phänomen zurück, das im Laufe der Zeit die Bezeichnung „Rattenkönig“ erhielt.
Immer wieder kommt es vor, dass Gruppen von Ratten gefunden werden, deren Schwänze so stark miteinander verwickelt und verknotet (allerdings nicht verwachsen) sind, dass sich die Tiere nicht mehr selbstständig voneinander trennen können. Solche Rattenkönige können sich in der Zahl der beteiligten Einzeltiere stark unterscheiden (bekannt sind 3 bis 32 Ratten). Generell handelt es sich wohl um ein recht seltenes Phänomen; insgesamt sind nur 58 zuverlässige Nachweise bekannt. Die meisten Funde stammen aus Mittel- und Westeuropa. Der größte bekannte Rattenkönig wurde 1828 in Thüringen mumifiziert in einem Kamin gefunden. Die jüngsten Funde stammen von 1986 (Frankreich) und 2005 (Estland). Rattenkönige sind fast ausschließlich von Hausratten (Rattus rattus) beschrieben, die besonders lange und dünne Schwänze besitzen. Vereinzelt soll das Phänomen auch bei Reisfeldratten (Rattus argentiventer) aus Südostasien sowie einigen anderen Nagetieren (Waldmäusen, Eichhörnchen) vorkommen. Bei der Wanderratte (Rattus norvegicus), die einen deutlich kürzeren Schwanz besitzt als die Hausratte, konnten bislang keine Rattenkönige beobachtet werden.

Mumifizierter Rattenkönig aus 32 Tieren (Bild: Dundak; CC-BY-SA-3.0-Lizenz)

Doch wie kann so ein Rattenkönig entstehen? Zur Erklärung wurden in der Vergangenheit zahlreiche, teilweise abwegige Hypothesen aufgestellt. So wurde beispielsweise spekuliert, dass alte und schwache Ratten ihre Schwänze verknoten, um so ein Nest für die jungen Ratten zu bilden. Eine solche beabsichtige Verknotung gilt heute aber als ausgeschlossen. Zum Teil wurde eine natürliche Entstehung von Rattenkönigen auch komplett abgelehnt und man ging von Manipulation oder postmortaler Verklebung als alleinige Ursachen aus. Am wahrscheinlichsten handelt es sich bei einem Rattenkönig allerdings um einen seltenen, aber natürlich auftretenden „Unfall“.
Die Schwanzverknotung tritt am häufigsten bei jungen Ratten auf, in einem Zeitraum, in dem die Schwänze bereits recht lang, aber noch sehr flexibel sind. Klebende Substanzen (wie Fäkalien, Blut oder Nahrungsreste) spielen möglicherweise beim ersten Anhaften der Schwänze eine Rolle. Die Schwanzknoten von Rattenkönigen sind häufig verklebt und verschmutzt und können auch Fremdgegenstände, insbesondere Nistmaterial, enthalten. Allerdings gibt auch sehr saubere Schwanzknoten, ohne Hinweise auf jegliche Verklebung. Eine Verklebung als alleinige Ursache scheint außerdem im Widerspruch zum ausgeprägten Reinigungsverhalten der Ratten zu stehen. Auch das Zusammenfrieren der Rattenschwänze im Winter wird als Ursache diskutiert. Viele Lebendfunde von Rattenkönigen stammen aus der kalten Jahreszeit. Allerdings sind abgestorbene Schwanzteile, wie sie durch Erfrierungen entstehen, bei Rattenkönigen nur selten zu beobachten.

Schwanzverschlingungen eines Rattenkönigs

Eine Hauptrolle bei der Entstehung von Rattenkönigen spielt wohl der Reflex des Rattenschwanzes sich bei Berührung um ein Objekt zu schlingen: eine Eigenschaft, die der Ratte beim Klettern von Nutzen ist. Rattenkönige wurden nie bei der freien Fortbewegung, sondern stets im Nest oder in einem Schlupfwinkel gefunden. Die Schwänze verknoten vermutlich durch eine Kombination von beengten Platzverhältnissen und dem reflexartigen Greifen mehrerer Jungrattenschwänze. Beim Auseinanderlaufen wird der entstehende Knoten dann unentwirrbar straffgezogen. Zwar mögen Fremdkörper sowie das Zusammenkleben oder -frieren der Schwänze diesen Prozess begünstigen, wissenschaftliche Studien zur chaotischen Verknotung von Kabeln weisen aber darauf hin, dass dies wohl keine notwendigen Voraussetzungen sind.
Die meisten Rattenkönige wurden lebend gefunden. Auch wenn sie über kurz oder lang stets dem Untergang geweiht sind, können sich die beteiligten Tiere beispielsweise von Nahrungsresten im Rattennest ernähren und so mit ihren verknoteten Schwänzen anscheinend eine Weile überleben. Darauf weisen unter anderem Abschnürungen, eingetrocknete Schwanzspitzen sowie Deformationen der Wirbelsäule hin. In der Regel werden Rattenkönige aber wohl sehr schnell von Fressfeinden erbeutet, da sie einfach aufzuspüren und ein leichtes Opfer sind.

1772 in Erfurt gefundener Rattenkönig

Rattenkönige galten früher als böses Omen, als Künder von Krankheit und Tod. Der Fund eines Rattenkönigs wurde unter anderem als Vorzeichen für die Pest gedeutet (deren Erreger tatsächlich durch Rattenflöhe übertragen wird). Im Mittelalter wurden Menschen, die angaben einen Rattenkönig zu besitzen, dafür auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Rattenkönigen wurden in der Vergangenheit eine ganze Reihe an erstaunlichen Eigenschaften angedichtet. Der Rattenkönig galt beispielsweise als ein vielköpfiges Tier, ähnlich einer Hydra, welches einen gekrönten, den anderen überlegenen Kopf besitzt. Auch sollten Rattenkönige geheimnisvolle Kräfte besitzen, die sich Rattenfänger zu Nutze machen könnten. So soll das Verstreuen von pulverisiertem Rattenkönig alle Ratten dauerhaft aus dem Haus vertreiben.
Seit dem 18. Jahrhundert werden Rattenkönige deutlich seltener gefunden. Dies liegt vermutlich an der Verbesserung der hygienischen Bedingungen und der daraus resultierenden geringen Rattendichte sowie an der Verdrängung der Haus- durch die robustere Wanderratte. Dadurch ist der Rattenkönig heute weitestgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Doch wird im übertragenen Sinne auch heute noch eine sehr verwickelte Angelegenheit manchmal als „Rattenkönig“ bezeichnet.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

2 Gedanken zu „Der unentwirrbare Rattenkönig

  1. Davon hab ich ja noch NIE was gehört, geschweige denn gesehen. Voll spannend! Sehr interessanter Beitrag – wieder was gelernt und entdeckt hier bei Euch.

  2. ein sehr starkes gefuehl hatte ich als ich den eintrag gelesen hab.
    ein gefuehl dass villeicht eine erklaerung des rattenkoenigs sein kann.

    ich erinnerte mich zurueck an so manch heisse naechte bettwaerts, als ich schon noch mit meiner partnerin kontakt haben wollte aber es mir einfach zu heiss ward, villeicht ist dies mehreren bekannt ?
    man dreht sich den ruecken zu, reibt sich villeicht noch den hintersten,, verschlingt die fueße, aber wendet sich sonst eigentlich ab,

    villeicht machen es ratten auch so ? aus einem sozialen verhalten heraus, a la – ja wir sind gerne miteinander, aber auch gerne jeder fuer sich, drum verschlingen und reiben wir unser hinterstes zueinander, und geniessen dass nicht ganz alleine zu sein … ?

    den zweiten gedank den ich hatte, ward folgender.
    dass es tiere auch spueren wenn ihr ende naht,
    und es wieder ein soziales verhalten ist,. sich so mit anderen sterbenden , einsam und doch verbunden zur ruhe legen.
    wobei ich nicht weiss ob ratten diese klassische totmanstellung die man von anderen tieren kennt auch machen, was dann wieder wenn so- kein grund fuer einen rattenkoenig sein kann,
    und es waer auch nicht ganz stimmig mit einem lebendigen fund eines rattenkoenigs ..
    aber villeicht auch moeglich

    ich bin nur im sternzeichen eine ratte ;)

    +

    nur wenige erlebnisse mit ratten hatte ich bisjetzt, doch diejenigen die ich hatte,- zeigten mir dass ratten sehr feinfuehlige, gar vorsichtige tiere sind.
    villeicht auch aengstlich.
    und wenn ratten aengstlich sind, wuerde dies doch villeicht auch einen rattenkoenig erklaeren.

    ein aengstliches wesen, dass einen artgenossen an seiner hinterseite spuert braucht sich nichtmehr umdrehen …
    (?)

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