Unbekannte Unterwasserwelten

Ein Schlangenstern (Ophiuroidea) auf einem Korallenskelett, etwa 3000 Meter unter der Meeresoberfläche (Amerikanisch-Samoa-Expedition 2017; Bild: NOAA Office of Ocean Exploration and Research; CC-BY-SA-2.0-Lizenz)

Per Livestream kann man sich mit einem Tauchroboter auf eine Reise zum Meeresboden begeben.

Wie unzählige Sterne am Nachthimmel schweben kleine Partikel im dunklen Wasser, angestrahlt vom starken Licht des Tauchroboters des Forschungsschiffs Okeanos Explorer. Wir sind per Videostream live dabei und nähern uns langsam dem Meeresboden. Was gibt es wohl dieses Mal zu entdecken?

Eine zunächst leblos erscheinende Mondlandschaft taucht vor der Kamera des Tauchroboters auf: Dunkles Gestein, dazwischen feiner Sand, umgeben von der schier endlosen Weite des Ozeans. Wir befinden uns rund 3000 Meter unter der Meeresoberfläche, in der Nähe der Samoa-Inseln im Pazifischen Ozean. Der Druck der Wassermassen ist in diesen Tiefen enorm. Und dennoch gibt es hier Leben: Behutsam nähert sich der Roboter dem Gestein und plötzlich lassen sich milchig weiße Schwämme erkennen, die geisterhaft in der sanften Strömung stehen.

Der Tauchroboter wird langsam in die Tiefe manövriert; das Foto wurde von dem zweiten Tauchroboter gemacht. (Amerikanisch-Samoa-Expedition 2017; Bild: NOAA Office of Ocean Exploration and Research; CC-BY-SA-2.0-Lizenz)

Die Kamera liefert gestochen scharfe Bilder. Über den Livestream sind Kommentare verschiedener Forscher zu hören, die sich an einer ersten Bestimmung der Lebewesen versuchen. Auch die Experten sehen auf den Aufnahmen viele der Organismen zum ersten Mal in ihrem natürlichen Lebensraum; einige Arten sind der Wissenschaft sogar noch völlig unbekannt. Auch die Beschaffenheit des Meeresbodens ist für die Forscher von Interesse. Er kann unter anderem Hinweise auf das Alter und die Entstehungsgeschichte der entsprechenden Gesteine liefern. Die Tiefsee gehört zu den am wenigsten erforschten Regionen unseres Planeten und ist vom Menschen noch relativ unbeeinflusst. Das liegt vor allem daran, dass sie ohne technische Hilfe weitestgehend unzugänglich ist.

Auf dem Gestein sitzen oft Korallen und warten auf Fressbares, das aus höheren Wasserschichten in die Tiefe gelangt. (Amerikanisch-Samoa-Expedition 2017)

Die Erforschung von in großen Meerestiefen lebenden Organismen ist sehr aufwändig, insbesondere wenn man sie in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten will, anstatt sie mit Grundschleppnetzen zu fangen und an die Oberfläche zu bringen. Vom Forschungsschiff Okeanos Explorer, das nach Okeanos, dem Vater aller Flüsse und Meere aus der griechischen Mythologie, benannt wurde, können zwei Tauchroboter in die Tiefe hinabgelassen werden. Ursprünglich war die Okeanos Explorer ein Aufklärungsschiff der US-Marine, das 2004 an die NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration), die Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA, abgegeben wurde. Das Schiff wurde dann umgebaut und dient seit 2010 der Forschung. Eine Besatzung von 46 Personen ist während der vom NOAA Office of Ocean Exploration and Research organisierten Forschungsreisen auf dem Schiff im Einsatz, darunter 19 Wissenschaftler.

Venusfliegenfallen-Anemone auf toter Koralle (Amerikanisch-Samoa-Expedition 2017)

Der Livestream zeigt, wie der Tauchroboter weiter durch die pazifische Unterwasserwelt schwebt. Ein Lebewesen erscheint, das auf einem langen, gedrehten Stil sitzt. Es erinnert ein wenig an eine Venusfliegenfalle. Die Experten klären auf: Es handelt sich um eine sogenannte Venusfliegenfallen-Anemone (Actinoscyphia sp.), die auf einer abgestorbenen Koralle sitzt. Sie ernährt sich von vorbeitreibenden organischen Partikeln und kleinen Lebewesen, die sie tatsächlich ähnlich einer Venusfliegenfalle festhalten kann. Als sich der Roboter nähert, klappt die Anemone ihren Tentakelkranz zusammen, wohl um sich vor dem unbekannten Gefährt zu schützen.

Weiße Korallen tauchen auf, die ein wenig wie verdrehte Wirbelsäulen mit langen Rippen aussehen. Ein blasser, langgestreckter Fisch schwimmt geradewegs vor die Kamera. Er scheint sich vor dem Licht zu erschrecken, treibt eine Weile wie erstarrt in der Wassersäule und verschwindet dann für immer aus unserem Blickfeld. Dann erscheint eine äußerst filigrane, verzweigte Koralle und der Tauchroboter nährt sich ihr so lange, bis auch die kleinen achtarmigen Polypen, die wie Eiskristalle aussehen, gut zu erkennen sind.

Eine fast durchsichtige Seegurke mit Sand in ihrem Darm (Amerikanisch-Samoa-Expedition 2017)

Doch die Forschung findet nicht nur per Video statt. Ein Greifarm kommt ins Bild und pflückt eine der langen, fest am Gestein haftenden Korallen wie eine Blume ab. Sie wird vorsichtig in ein Behältnis befördert, das sich per Fernsteuerung öffnen und schließen lässt. Es dauert eine ganze Weile, bis die im Wasser hin- und hertreibende Koralle mit dem Greifarm in das relativ enge Gefäß befördert ist. Endlich ist es geschafft! Die so gesammelten Proben landen schließlich an Bord des Schiffes, wo eine genauere Untersuchung stattfindet.

Ein zunächst unförmig erscheinendes, fast durchsichtiges Wesen gerät ins Blickfeld der Kamera. Als der Tauchroboter langsam näherkommt, erkennt man einige dickliche Beine, die einen walzenförmigen Körper in Zeitlupentempo vorwärts schieben. Tentakel stülpen sich aus und nehmen Sand auf, mit dem bereits der ganze Darm gefüllt zu sein scheint. Auf dem Rücken des Wesens befindet sich eine Art Segel. Nicht nur wir, auch die Experten sind ratlos, wozu diese Struktur dienen mag. Aber sie sind sich einig, dass es sich bei dem seltsamen Wesen um eine Seegurke (Holothuroidea), also um einen entfernten Verwandten von Seesternen und Seeigeln, handelt.

Ein gestieltes Manteltier (Tunicata) vom Johnston-Atoll im Pazifik (Hawaii-Expedition 2015; Bild: NOAA Office of Ocean Exploration and Research; CC-BY-SA-2.0-Lizenz)

Man weiß nie, welche Geheimnisse sich hinter dem nächsten Felsen verbergen und auf ihre Entdeckung warten. Und es ist außergewöhnlich mit dabei zu sein, wenn womöglich bislang unbekannte Arten auftauchen und sich das Wissen über die Unterwasserwelten Stück für Stück erweitert. Viele zuvor unbekannte Meeresregionen haben die Unterwasserkameras bereits in vorherigen Missionen eingefangen. Die aktuelle Forschungskampagne der Okeanos Explorer findet vom 7. Juli bis zum 2. August 2017 statt und untersucht die Gewässer am Johnston-Atoll im nördlichen Pazifik, rund 1000 km südwestlich von Hawaii. In dieser Gegend ist das Wasser teilweise mehr als 5000 Meter tief und die Temperaturen in der Tiefsee liegen nahe dem Gefrierpunkt. Eine Expedition, die bereits vor zwei Jahren Teile dieses abgelegenen Atolls untersuchte, brachte in den dunklen Gewässern viele bis dahin unbekannte Arten zum Vorschein. Während der Forschungskampagne kann man sich per Livestream an Bord der Okeanos Explorer begeben. Drei Kameras lassen sich anwählen, die, je nachdem welche Tätigkeiten gerade anfallen, direkt von einem der Tauchroboter oder zum Beispiel vom Deck oder dem Kontrollraum des Schiffes senden. Die Tauchgänge finden üblicherweise zwischen 20 und 5 Uhr (Mitteleuropäische Sommerzeit) statt. Der Live-Stream wird voraussichtlich noch bis zum 29. Juli täglich zu sehen sein. Man muss aber nicht die ganze Nacht wach bleiben, um zu erleben, wie der Tauchroboter seine Unterwasser-Ausflüge macht; verschiedene vorher aufgezeichnete Videoaufnahmen lassen sich auch nachträglich ansehen. Außerdem werden Höhepunkte täglich in einem (englischsprachigen) Blog zusammengefasst.

Hier ist der Link zum Abtauchen:
http://oceanexplorer.noaa.gov/okeanos/media/exstream/exstream.html

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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