Siamesische Fledermaus-Zwillinge

Diese siamesischen Fledermaus-Zwillinge wurden im südöstlichen Brasilien gefunden. (Bild: Nadja Lima Pinheiro, Área de Embriologia, Universidade Federal Rural do Rio de Janeiro)

Forscher haben einen neugeborenen Fruchtvampir mit zwei Köpfen untersucht.

Im Südosten Brasiliens, im Bundesstaat Espírito Santo, entdeckte man sie unter einem Mangobaum: Eine neugeborene zweiköpfige Fledermaus. Der Finder übergab sie der Universitätssammlung in Seropédica. Wissenschaftler um Marcelo R. Nogueira haben den ungewöhnlichen Fund nun untersucht und ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift Anatomia, Histologia, Embryologia veröffentlicht. Die Forscher stellten fest, dass das siamesische Zwillingspaar den Eigentlichen Fruchtvampiren (Gattung Artibeus) zuzuordnen ist. Die genaue Art konnten sie allerdings nicht bestimmen, da die Zwillinge noch keine der charakteristischen Artmerkmale ausgebildet hatten. Die Eigentlichen Fruchtvampire sind in Mittel- und Südamerika verbreitet und ernähren sich hauptsächlich von Früchten. Der typische blattförmige Auswuchs auf der Nase dieser Fledermäuse, der auch bei dem Zwillingspaar gut zu erkennen ist, hilft ihnen bei der Echoortung in dunkler Nacht.

Das neugeborene Zwillingspaar besitzt zwei Köpfe und einen Rumpf. Die Nabelschnur und Plazenta sind noch vorhanden. (Bild: Nadja Lima Pinheiro, Área de Embriologia, Universidade Federal Rural do Rio de Janeiro)

Die Fledermaus-Zwillinge sind seitlich miteinander verbunden und nur im Kopfbereich voneinander getrennt (es handelt sich um eine Form von Dizephalie, also Zweiköpfigkeit). Siamesische Zwillinge entstehen, wenn sich eine einzelne befruchtete Eizelle im Laufe der Entwicklung in zwei eigenständige Embryonalanlagen aufteilt und sich diese dann nicht vollständig voneinander trennen. So bleiben die eineiigen Zwillinge während ihrer Entwicklung miteinander verbunden. Die Verbindung zwischen solchen Zwillingen kann dabei unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Manchmal sind siamesische Zwillinge nur über die Haut verbunden, manchmal teilen sie sich aber auch Organe und Teile des Skelettes. Siamesische Zwillinge sind sehr selten. Beim Menschen tritt diese Fehlbildung einmal bei einer Million Geburten auf. Bei Fledermäusen wurde bislang überhaupt nur von zwei weiteren Fällen berichtet.

Die Struktur am Rücken könnten stark fehlgebildete Arme sein. (Bild: Nadja Lima Pinheiro, Área de Embriologia, Universidade Federal Rural do Rio de Janeiro)

Mit Röntgenaufnahmen konnten die Forscher das genaue Ausmaß der Fehlbildungen aufzeigen. Das Zwillingspaar besteht aus zwei Köpfen mit getrennten Hälsen. Die Wirbelsäulen sind im Lendenbereich miteinander verschmolzen. Das Becken und die beiden Hinterbeine teilt sich das Zwillingspaar. Der linke Arm des linken Zwillings und der rechte des rechten Zwillings sind gut entwickelt. Am Rücken der Tiere bildet sich eine Beule, die die Forscher für zwei weitere, nicht entwickelte Arme halten. Per Ultraschall konnten bei den Fledermaus-Zwillingen zwei, anscheinend vollständig getrennte, Herzen in dem vergrößerten Brustkorb erkannt werden.

In einigen Fällen entwickelt sich bei siamesischen Zwillingspaaren einer der Zwillinge schneller als der andere. Das kann so weit gehen, dass der schwächere Zwilling kaum noch als solcher zu erkennen ist und unter äußerst starken Fehlbildungen leidet. Man spricht dann von einem parasitären Zwilling. Bei den Fledermäusen sind jedoch beide Tiere etwa gleich gut entwickelt. Es ist nicht bekannt, ob die Fledermaus-Zwillinge bei der Geburt noch gelebt haben oder ob sie bereits tot geboren wurden. Eines steht jedoch fest: Es handelt sich um sehr einen seltenen und außergewöhnlichen Fund.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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