Die tückische List der Fühlerschlange

Wie eine Schlange das Fluchtverhalten ihrer Beute zur Jagd nutzt.

Ein schlammiger Teich irgendwo in Südostasien. Für kleine Fische, die in der trüben Brühe schon mal die Orientierung verlieren können, kann es hier schnell ziemlich gefährlich werden. Denn Fressfeinde warten nur auf Gelegenheiten, einen Fisch zu erbeuten, der sich zu dicht an sie heranwagt. Fische verfügen allerdings über die Fähigkeit, mit Hilfe ihres Seitenlinienorgans auch ohne Sicht Bewegungen im Wasser wahrzunehmen und, wenn nötig, blitzschnell zu fliehen. Sobald ein Fisch die Bewegung eines potentiellen Feindes neben sich spürt, dreht sich das Tier reflexartig in die entgegengesetzte Richtung und schwimmt davon. Eine solche Flucht dauert meist nur wenige Millisekunden. Der Fühlerschlange (Erpeton tentaculatum) kann ein Fisch auf diese Weise aber nicht entkommen, denn sie nutzt genau dieses Fluchtverhalten zu ihrem eigenen Vorteil.

Kopf einer Fühlerschlange unter dem Rasterelektronenmikroskop (Bild: Kenneth C. Catania; CC-BY-2.5-Lizenz)

Ihren Namen verdankt diese in Gewässern in Südostasien lebende Schlange den zwei sonderbaren, fühlerartigen Tentakeln an ihrem Maul, die es bei keiner anderen Schlangenart gibt. Die Fühlerschlange kann bis zu 30 Minuten unter Wasser bleiben ohne auftauchen zu müssen. Bewegungslos und gekrümmt wie ein Spazierstock wartet sie dort auf ihre Opfer, wobei sie sich mit ihrem Schwanzende am Untergrund festhält. Sie sieht dabei einem im Wasser treibenden Ast täuschend ähnlich. Verirrt sich ein Fisch in die Nähe der Schlange, schlägt sie blitzartig zu. In trübem Wasser hat die Schlange zwar oft keine Möglichkeit ihre Beute zu sehen, sie kann stattdessen aber die verräterischen Wasserbewegungen ihrer potentiellen Opfer erspüren. Die von zahlreichen Nerven durchzogenen Tentakel der Fühlerschlange dienen dabei als Sensoren und erlauben ihr die Wahrnehmung kleinster Bewegungen sowie das Bestimmen der exakten Position von Beutetieren.

Die Jagdmethode der Fühlerschlange (Bild: Verändert nach Kenneth C. Catania; CC-BY-2.5-Lizenz)

Doch warum funktioniert der Ausweichreflex der Fische nicht, wenn sie von der Fühlerschlange angegriffen werden? Der Jäger bedient sich eines ungewöhnlichen Tricks. Befindet sich der Fisch zwischen Körper und Kopf der Schlange, bewegt sie ihren Körper in einer ruckartigen Wellenbewegung zu Seite. Der Fisch nimmt diese Bewegung wahr und startet sein reflexartiges Ausweichmanöver in die entgegengesetzte Richtung. Dies besiegelt allerdings sein Schicksal, denn er schwimmt direkt in Richtung des Mauls der Schlange. Der Fisch hat dabei keine Chance, denn sein Fluchtverhalten läuft komplett reflexartig ab und lässt sich nicht mehr abbrechen. Wenn die Schlange mit ihrem Maul zuschnappt, zielt sie nicht auf die Ausgangsposition des Fisches, sondern dorthin, wo sich der Kopf des Fisches nach seinem Ausweichmanöver in wenigen Millisekunden befinden wird. Die Fühlerschlange scheint also den Weg, den ihre Beute während der Flucht einschlagen wird, im Voraus genau abschätzen zu können.

Die Jagdmethode der Fühlerschlange ist im Tierreich einzigartig. Sie muss dieses Verhalten auch nicht erst erlernen; neugeborene Fühlerschlangen beherrschen diese tückische List bereits perfekt.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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