Magie – Das Schicksal zwingen

Die aktuelle Sonderausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle (Saale) wartet mit einer Fülle magischer Objekte aus verschiedenen Epochen auf.

Seit jeher versuchen Menschen mit Hilfe von Zauberformeln, Ritualen, Amuletten und Glücksbringern ihr Schicksal zu beeinflussen. Rund 200 Objekte, die mit derartigen magischen Praktiken in Zusammenhang stehen, werden derzeit in der Sonderausstellung „Magie – Das Schicksal zwingen“ im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) präsentiert, darunter solche die Schutz bieten, Liebe garantieren oder aber Schaden zufügen sollen. Gespannt darauf was uns erwartet, betreten wir das imposante Museumsgebäude über dessen Eingang ein riesiges Banner mit einer nagelgespickten Rachepuppe prangt. Der Raum, in dem die Sonderausstellung gezeigt wird, befindet sich gleich im Erdgeschoss. Er ist dezent beleuchtet und wird von mächtigen Säulen und Bögen unterteilt. Der Weg durch die Ausstellung führt um einen Käfig mit lebensgroßen Stoffpuppen herum. Was es mit diesen sonderbaren Gestalten auf sich hat, sollen wir später erfahren.

Für diese Musikinstrumente, eine Tontrommel, eine Rassel und ein Tritonshorn (hier mit Feuersteinen), wird eine magisch-rituelle Verwendung angenommen.

Zunächst verdeutlichen die im Eingangsbereich ausgestellten Objekte, dass magische Praktiken vermutlich schon sehr früh in der Menschheitsgeschichte eine Rolle spielten. Dabei lassen sich Nachweise nicht erst in antiken Schriften finden; auch zahlreiche Funde aus schriftlosen Kulturen weisen darauf hin. Höhlenmalereien, Grabbeigaben und amulettartige Objekte legen eine magisch-religiöse Bedeutung nahe. In der Ausstellung ist eine über 5000 Jahre alte Tontrommel, die im südlichen Sachsen-Anhalt gefunden wurde, zu sehen. Sie stammt aus der Salzmünder Kultur und ist mit rätselhaften Symbolen verziert. Solche Musikinstrumente kamen wohl bei rituellen Zeremonien zum Einsatz. Rasseln haben in vielen Kulturen eine magische Bedeutung und dienen beispielsweise zum Vertreiben böser Geister. Die in der Ausstellung gezeigte Bronzerassel ist eine Grabbeigabe aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., die aus der Nähe von Nürnberg stammt. Die große Meereschnecke – ein Tritonshorn – diente einst als Blasinstrument. Gefunden wurde das auf 5000-4900 v. Chr. datierte Stück, welches bei rituellen Anlässen benutzt worden sein dürfte, bei Wolfenbüttel in Niedersachsen. Pflanzen mit bewusstseinsverändernder Wirkung dienten zu verschiedenen Zeiten dem magischen Gebrauch. Beispielhaft sind in einer Vitrine getrocknete Pflanzenteile von Stechapfel, Tollkirsche, Bilsenkraut und Alraune ausgestellt. Die gezeigte Alraunenwurzel sieht wie ein verschrumpeltes Männlein aus. Wir gehen die kleine Steintreppe hinunter, die in die weiteren Teile der Ausstellung führt.

Die Exponate sind in Vitrinen platziert, die in einer nachtblauen Front eingesenkt sind, wobei die geschickte Beleuchtung jedes einzelne wunderbar in Szene setzt. Überall gibt es etwas zu entdecken. Auch an den Säulen lassen sich Objekte finden, zum Beispiel Amulette zur Abwehr des „bösen Blicks“, die uns mit hellen Augen entgegenstarren. Solche Amulette sind noch heute in vielen Ländern des Mittelmeerraums und Vorderen Orients gebräuchlich. Die Angst davor, dass Blicke einen schädlichen Einfluss haben können, gibt es in verschiedenen Kulturen, wie auch davor schützende Rituale und magische Gegenstände. Die ausgestellten römischen Phallusanhänger sollten dem Träger Schutz bieten, indem der böse Blick durch die auffälligen Stücke abgelenkt wird.

Getrocknete Fuchszunge mit Kruzifix (ca. Mitte des 20. Jahrhunderts)

Magische und religiöse Vorstelllungen sind oft eng miteinander verschränkt. Im Gegensatz zur Religion bedarf Magie aber nicht zwingend höherer Mächte; vielmehr umfasst sie Mittel, um das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ein sehr ungewöhnliches Exponat ist die getrocknete Zunge eines Fuchses, die mit einem Kreuzanhänger versehen ist. Sie sollte dem Schutz eines Hauses im Saarland dienen, auf dessen Dachboden hängend man sie fand. Körperteile von Füchsen wurden regelmäßig als Heilmittel und Amulette verwendet. Dass die Fuchszunge so gut erhalten ist, weist zumindest darauf hin, dass das zu schützende Haus nicht in Schutt und Asche gelegt worden ist.

In einer Vitrine ist ein menschlicher Schädel aus dem 11. bis 12. Jahrhundert zu sehen, dessen Oberkiefer zerstört ist. Auch die beulenartigen Knochentumore sind auffällig, die an dem in Brandenburg gefundenen Schädel hervortreten. Wir befinden uns im Teil zu Wiedergängern und Nachzehrern. Die Angst vor Toten, die wieder auferstehen und die Lebenden heimsuchen, ist weltweit verbreitet. Magische Praktiken und Sprüche sollen die Verstorbenen daran hindern, sich wieder unter die Lebenden zu mischen. So erklären sich Funde von Skeletten, die in ungewöhnlichen Positionen beigesetzt, gefesselt, gepfählt oder mit Steinen beschwert wurden. Auch die knöchernen Überreste der 45 bis 50 Jahre alten Frau, zu der der Schädel mit den Tumoren gehört, fand man mit großen Steinen auf Kopf und Füßen. Die Tumore, die wahrscheinlich ihr Gesicht entstellten, machten sie womöglich schon zu Lebzeiten zu einer Außenseiterin; nach ihrem Tod versuchte man sie anscheinend am Wiederkehren zu hindern.

Schädel einer Frau mit Knochentumoren. Schwere Steine auf Kopf und Füßen sollten wohl verhindern, dass sie als Wiedergängerin zurückkehrt.

Auch bei der Behandlung von Krankheiten spielten magische Vorstellungen oftmals eine wichtige Rolle (und tun dies zum Teil bis heute). So sollte der in der Ausstellung gezeigte goldene Fingerring aus Trier, der aus dem 2. Jahrhundert stammt, gegen Augenleiden helfen. Der in den Ring eingefasste Jaspis-Stein ist mit der Gravur einer Eidechse versehen. Sie umgibt ein Ouroboros, die sich selbst in den Schwanz beißende Schlange, was die heilende Wirkung wohl verstärken sollte. Es gibt schriftliche Überlieferungen, wie ein solcher Ring zu seiner Heilkraft kommen soll. Dafür muss eine mit Nadeln geblendete grüne Eidechse über mehrere Tage in einem Krug zusammen mit gravierten Jaspis-Steinen eingesperrt werden. Während dieser Zeit soll die Echse, der Vorstellung nach, ihre Sehkraft wiederherstellen können. Aus den Steinen gefertigte Ringe sollten von da an Augenkrankheiten heilen können.

Diese Flasche enthielt Haare, Fingernägel, Urin und spitze Gegenstände, die einer Verhexung entgegenwirken sollten.

Frauen, die sich der Magie bedienen, werden schon in antiken Mythen beschrieben. Der Begriff der Hexe für eine böse, mit dem Teufel im Bunde stehende Zauberin, findet sich jedoch erst Ende des 13. Jahrhunderts. Man war davon überzeugt, dass Hexen ihren Mitmenschen mit Hilfe von Magie Schaden zufügen können. Eine braune Keramikflasche mit einem bärtigen Gesicht ist in der Ausstellung zu sehen. Es ist eine sogenannte Hexenflasche. Wer unter Verhexung leidet, so stellte man sich vor, wurde von einer Hexe in einem solchem Maße durchdrungen, dass ein Teil ihres Lebensgeistes in Haaren, Fingernägeln oder Urin des Betroffenen eingeschlossen ist. Um der Hexe Schmerzen zuzufügen und sie so dazu zu bringen, den Fluch aufzuheben, konnten diese Körpersubstanzen zusammen mit spitzen Gegenständen in eine Flasche gegeben werden. Tatsächlich enthielt die Flasche aus dem 17. Jahrhundert, die man noch gut verschlossen im Londoner Stadtteil Greenwich vorfand, neben Nadeln und Eisennägeln auch menschliche Haare, Fingernägel und Urin.

Ob diese Rachepuppe (20. Jahrhundert) ihren gewünschten Effekt hatte?

Für Liebeszauber, mit denen man die Zuneigung einer begehrten Person auf magische Weise gewinnen wollte, kamen oftmals Püppchen zum Einsatz, so beispielsweise bereits in der klassischen Antike. Man sprach Beschwörungen und stach mit Nadeln in bestimmte Körperteile, wie Hirn, Augen oder Genitalien. Oft wurden die Figuren auch gefesselt. Wurde die Liebe weiterhin nicht erwidert, konnte der Liebeszauber aber auch schnell in einen Schadzauber umschlagen. Die grob geschnitzte und mit Eisennägeln gespickte Rachepuppe in der Ausstellung ist faszinierend anzusehen. Sie stammt aus dem Saarland und wurde von einer Frau gefertigt, die von ihrem Liebhaber verlassen wurde. Hier sollten die Nägel nicht binden, sondern Schmerz zufügen.

Praktiken zur Vorhersage der Zukunft kommen in zahlreichen Kulturen vor. Eine im Altertum weit verbreitete Technik der Wahrsagerei war die Leberschau, auch Hepatomantie genannt. Dazu erbrachte man im Rahmen aufwändiger Rituale Tieropfer, für die meist speziell ausgewählte Schafe verwendet wurden. Die Beschaffenheit der Leber eines Opfertieres wurde anschließend von einem als Haruspex bezeichneten Seher wahrsagerisch gedeutet. Die Leber galt nämlich als Sitz des Lebens und Spiegel des himmlischen Götterwillens. Ihren Ursprung hat die Leberschau um 2500 v. Chr. in Mesopotamien. Später wurde die Praktik von den Hethitern in Kleinasien übernommen und verbreitete sich unter anderem zu den Etruskern und Römern. In einer Vitrine ist ein hethitisches Lebermodell aus hellbraunem Ton zu sehen. Solche Modelle dienten dazu, das zur wahrsagerischen Interpretation von Leberveränderungen benötigte Wissen weiterzugeben. Das Modell in der Ausstellung zeigt auf der linken Seite eine gezackte Wunde; solch eine Veränderung wurde als Zeichen für ein geschlagenes Heer gedeutet.

Blick in die Zukunft? Ein hethitisches Lebermodell aus dem 13. Jahrhundert v. Chr.

Es mag überraschen, dass ausgerechnet mit dem Epochenwechsel vom Mittelalter zur Renaissance, als viele neue technisch-wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen wurden und das Zeitalter der Europäischen Expansion begann, wieder verstärkt Magier und Sterndeuter um Beistand befragt wurden. Offensichtlich sehnten sich viele Menschen in Zeiten, in denen ihr Weltbild auf den Kopf gestellt wurde, nach der Sicherheit althergebrachter magischer Vorstellungswelten. Bis heute erfreut sich insbesondere die bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurückreichende westliche Astrologie großer Beliebtheit. Auch viele einflussreiche Personen der jüngeren Vergangenheit vertrauten auf die Macht der Gestirne. So beschäftigte beispielsweise der US-amerikanische Präsident Ronald Reagan in den 1980er Jahren einen Astrologen, der bei politischen Entscheidungen regelmäßig zurate gezogen wurde.

Der Käfig mit der Bizango-Armee bildet das Zentrum der Ausstellung.

Was hat es nun mit den im Käfig ausgestellten Stoffpuppen auf sich und wen soll der Käfig eigentlich schützen – sie oder uns? Die Figuren werden als Bizango-Armee bezeichnet und stammen aus Haiti. Die Puppen sind teils geflügelt, sitzen auf Stühlen oder laufen auf Krücken; ihre aus kleinen Spiegeln gefertigten Augen wirken leer. Zum Teil enthalten die Figuren menschliche Schädel. Wer genau sie angefertigt hat und wann, ist unbekannt. Ihre Körper sind rot-schwarz, die Farben der mysteriösen haitianischen Bizango-Geheimgesellschaften, die für ihre Voodoo-Praktiken berüchtigt sind. Insgesamt sind etwa 200 solcher Puppen bekannt. Für einige sind Namen und Eigenschaften überliefert; sie können heilen, sind gefürchtet, trinken Tierblut, essen gern gegrillte Früchte oder verlangen schwarze Hühner als Opfer. Welchem genauen Zweck die Figuren in der Ausstellung einst dienten, muss aber offenbleiben.

Insgesamt übertraf die Sonderausstellung „Magie – Das Schicksal zwingen“ unsere Erwartungen. Sie hat uns mit ihren vielen spannenden Objekten regelrecht in den Bann gezogen. Jeder Teil präsentiert sich mit anderen, einzigartigen Stücken; die ergänzenden Abbildungen sind bereichernd und die Texte kurzweilig und informativ. Zur Ausstellung sind auch ein Kurzführer sowie ein umfangreiches Buch mit wissenschaftlichen Beiträgen (basierend auf einer der Ausstellung vorhergehenden Tagung) erschienen. Von der Welt der Magie kann man sich noch bis zum 13. Oktober 2024 im Landesmuseum für Vorgeschichte verzaubern lassen.

Ein Gedanke zu „Magie – Das Schicksal zwingen

  1. Monsterdank für die sehr informative Berichterstattung über diese sehr interessante Ausstellung. Ich werde versuchen, diese auch selbst zu besuchen. Könnt ihr etwas zum Tagungsband sagen? Ist der etwas für interessierte Laien?
    Und ja. Woher habt ihr die Info, dass es 200 bekannte Figuren der Bizango-Armee gibt? Ich habe mal ca. 20 von denen in einem Raum gegenüber gestanden. Nicht nur das, sondern insgesamt war das damals eine sehr beeindruckende Ausstellung in Bremen im Überseemuseum 2012. Gab es wohl zuvor auch in Berlin, aber nicht ganz so gut kuriert. In Bremen lief das als Sonderausstellung „Vodou – Kunst und Kult in Haiti”.
    (Mein Blog ist derzeit im Privatmodus – gibt leider massive Gründe dazu, aber ich kann, wenn gewünscht den Zugang freischalten. Einfach per Mail melden.I

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