Geister des Waldes

Im Schatten ihrer riesigen Verwandten wachsen die sonderbaren weißen Küstenmammutbäume.

Mächtige Baumriesen prägen die nebelverhangenen Wälder an der nordamerikanischen Pazifikküste. Es sind Küstenmammutbäume (Sequoia sempervirens), die zu den größten Bäumen der Erde gehören. Im Schatten dieser Giganten, wo nur wenig Licht bis auf den Waldboden dringt, wachsen bisweilen geradezu bizarre Gewächse. Viel kleiner als ihre grüne Nadeln tragenden Verwandten schimmern weiße Küstenmammutbäume wie Geister des Waldes durch das Dämmerlicht.

Zweige eines weißen Küstenmammutbaums (Bild: Cole Shatto; CC-BY-SA-3.0-Lizenz)

Die Nadeln dieser Bäume sind komplett weiß. Durch eine Mutation sind ihre Zellen nicht dazu in der Lage, das grüne Pigment Chlorophyll zu bilden. Während Albinismus, also eine durch das Fehlen von Pigmenten verursachte Weißfärbung, bei Tieren regelmäßig vorkommt, sind unpigmentierte Pflanzen extrem selten. Chlorophyll ist nämlich für die Fotosynthese, die Gewinnung von Energie aus Sonnenlicht, notwendig und somit sind Pflanzen ohne das Pigment üblicherweise nicht lebensfähig.

Küstenmammutbäume vermehren sich nicht nur über Samen, sondern auch oft über Wurzelausschläge. Hierbei bleiben die Jungpflanzen mit dem Wurzelwerk der Mutterpflanze verbunden, über welches sie mit Nährstoffen versorgt werden. Und genau diese Art der Vermehrung ermöglicht auch den weißen Bäumen ein Überleben. Da sie selbst nicht zur Fotosynthese in der Lage sind, müssen sie ihr gesamtes Leben lang von dem leben, was ihnen ihre grüne Mutterpflanze zur Verfügung stellt.

Weißer Küstenmammutbaum im Humboldt Redwoods State Park in Kalifornien (Bild: WolfmanSF; CC-BY-SA-3.0-Lizenz)

Durch die Knappheit an Nährstoffen wachsen weiße Küstenmammutbäume nur sehr langsam, was sich an den dicht aneinander gedrängten Jahresringen in ihrem Holz zeigt. Zwar können die Bäume hundert Jahre und älter werden, doch erreichen sie nur selten Höhen von über drei Metern. Es sind allerdings auch einige bis zu 20 Meter hohe Exemplare bekannt.

Weiße Küstenmammutbäume sind große Raritäten; insgesamt kennt man nur etwa 50 Stück. Um sie zu schützen, wird der genaue Standort der meisten Bäume geheim gehalten, denn bei ihrem geringen Wachstum kann das Abbrechen von Zweigen für sie schnell zu einer großen Gefahr werden.

Trotz ihrer Seltenheit spielen die weißen Küstenmammutbäume auch in den Bräuchen und Legenden der amerikanischen Ureinwohner eine Rolle. So gab es beispielsweise bei den kalifornischen Pomo-Indianern Reinigungsrituale, bei denen diese Geister des Waldes verwendet wurden.

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