Bizarre Pflanze nach 151 Jahren wiederentdeckt

Die Blüten von zwei Exemplaren von Thismia neptunis. (Bild: Verändert nach Michal Sochor et al.; CC-BY-3.0-Lizenz)

Forscher veröffentlichten die ersten Fotografien einer parasitischen Pflanze aus Borneo.

Die seltsamen tropischen Pflanzen der Gattung Thismia werden auf Englisch „Fairy Lanterns“, also Feenlaternen, genannt. Auf den ersten Blick sehen sie fast künstlich aus; ihre bizarr geformten Blüten sind oft bleich oder gar transparent. Allen Thismia-Arten fehlt das für die Fotosynthese notwendige Blattgrün. Sie können ihre Energie somit nicht aus Sonnenlicht gewinnen, so wie es die meisten anderen Pflanzen tun. Stattdessen ernähren sie sich von Pilzen. Viele Pflanzen gehen Partnerschaften mit bestimmten bodenbewohnenden Pilzen, sogenannten Mykorrhizapilzen, ein, indem sie über die Wurzeln Nährstoffe mit ihnen austauschen. Die Thismia-Arten leben hingegen als Parasiten von genau solchen Pilzen. Sie töten Teile der Pilze ab und verleiben sich deren Nährstoffe ein. Eine lange Zeit ihres Lebens verbringen die parasitischen Pflanzen rein unterirdisch im Regenwaldboden, bis sie schließlich genug Energiereserven angesammelt haben, um ihre aufwendigen Blüten zu bilden.

Knapp 80 verschiedene Arten der Gattung Thismia sind der Wissenschaft heute bekannt. Der italienische Botaniker Odoardo Beccari (1843-1920) entdeckte auf seinen mehrjährigen Forschungsreisen in den Tropen sechs Vertreter der seltsamen Gewächse. Eine Art fand er auf Neuguinea, eine weitere in Singapur und vier auf Borneo. Eine der vier Arten aus Borneo war die bizarre Thismia neptunis, die er 1866 entdeckte. Seitdem war jedoch kein weiteres Exemplar dieser Art gefunden worden und nur eine vom ihm angefertigte Beschreibung und Zeichnung belegte ihre Existenz. Erst 151 Jahre später, im Jahr 2017, sollte diese Pflanze von tschechischen Forschern um Michal Sochor wiederentdeckt werden. Die Details ihres Fundes und die ersten Fotos der Pflanze veröffentlichten sie nun in einem Artikel in der Fachzeitschrift Phytotaxa.

Die bizarre Blüte im Detail. (Bild: Verändert nach Michal Sochor et al.; CC-BY-3.0-Lizenz)

Die Forscher hatten Glück und fanden bei ihren Untersuchungen im Regenwald Borneos gleich zwei geöffnete Blüten und eine Knospe der geheimnisvollen Thismia neptunis. Die Pflanze selbst ist etwa neun Zentimeter hoch und ihre transparenten Blüten, die teilweise orangefarben sind, sitzen auf einem bleichen Stängel. Die Blätter sind farblos und liegen, wie kleine Schuppen, eng am Stängel an. Die Blüten sind sehr komplex aufgebaut. Drei fadenförmige Anhänge ragen nach oben und in der Nähe der Blütenöffnung lassen sich sonderbare, hakenförmige Strukturen erkennen. Im Flüssigkeitsfilm auf der Blüte fanden die Forscher mehrere tote Insekten. Diese könnten angelockte Bestäuber sein, die zufällig in den Flüssigkeitsfilm gerieten und dort ertranken.

Odoardo Beccaris Zeichnung der parasitischen Pflanze Thismia neptunis.

Die Zeichnung, mit welcher der Botaniker Beccari seinen Fund illustrierte, zeigte bereits viele der Besonderheiten von Thismia neptunis. Auch wenn Beccari die Details ihrer parasitischen Lebensweise unbekannt waren, erkannte er, dass diese bleichen Pflanzen außergewöhnlich waren. Er beschrieb, dass sie nur dort wuchsen, wo der Wald am dichtesten und schattigsten war. Vermutlich waren die Forscher an genau der gleichen Stelle, an der Beccari die Art entdeckt hatte, denn obwohl er den Fundort nicht sehr ausführlich beschrieb, weiß man, dass Thismia-Arten meist nur in sehr eng begrenzten Gebieten vorkommen. Und in der Regel lassen sich dort auch nur wenige Exemplare finden.

Viele andere Thismia-Arten, die im 19. Jahrhundert beschrieben wurden, konnten bis heute nicht wiedergefunden werden und sind beispielsweise nur als Museumsexemplare bekannt. Durch die Abholzung der tropischen Regenwälder könnten einige von ihnen bereits ausgestorben sein, vermuten die Forscher. Was zwei andere von Beccari beschriebenen Arten aus Borneo angeht, sind sie jedoch zuversichtlicher, denn der Wald in dem sie vorkommen, ist noch weitestgehend intakt. Wegen ihrer Seltenheit und verborgenen Lebensweise sind diese parasitischen Pflanzen nicht leicht zu entdecken und so gibt es wahrscheinlich auch noch zahlreiche Arten, die der Wissenschaft bislang völlig unbekannt sind.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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