Geopfert für fremden Nachwuchs

Spinnen der Art Stegodyphus dumicola leben in Sozialverbänden. (Bild: Bernard Dupont; CC-BY-SA-2.0-Lizenz)

Bei bestimmten sozialen Spinnen lassen sich Kindermädchen von ihren Pfleglingen fressen.

Soziale Spinnen leben als Gruppen zusammen in Nestern aus dicht gewebten Spinnfäden. Gemeinsam jagen sie, verteidigen ihr Nest und pflegen die Brut. Im Laufe der Evolution hat sich dieses Prinzip des Zusammenlebens bei den ansonsten eher einzelgängerischen Spinnen mehrfach entwickelt. So ein Miteinander bringt einige Vorteile; zusammen können die Achtbeiner größere Beute überwältigen und sich effektiver vor Angreifern schützen. In der Gattung Stegodyphus, zu der drei Arten sozialer Spinnen gehören, zeigen die Weibchen eine besonders extreme Form der Brutpflege, denn sie bauen nicht nur Kokons für ihre Eier, bewachen diese und füttern ihre Jungtiere mit hochgewürgtem Nahrungssaft, sondern opfern sich am Ende auch für sie, indem sie sich von ihrem Nachwuchs auffressen lassen (Letzteres kommt übrigens auch bei bestimmten Arten einzelgängerischer Spinnen vor). Als Wissenschaftler Nester, der im südlichen Afrika beheimateten sozialen Spinnenart Stegodyphus dumicola genauer in Augenschein nahmen, stellten sie fest, dass die Gruppen fast nur aus Weibchen bestanden. Und nur wenige dieser Weibchen waren überhaupt befruchtet. Kann es also sein, dass bei dieser Spinnenart auch unbefruchtete Weibchen bei der Brutpflege mithelfen? Eine von der Forscherin Anja Junghanns und ihren Kollegen durchgeführte Studie, die in der Fachzeitschrift Animal Behaviour erschienen ist, sollte die Auflösung bringen.

Im Nest kümmern sich Mütter und Kindermädchen gemeinsam um die Brut. (Bild: Bernard Dupont; CC-BY-SA-2.0-Lizenz)

Im Labor hielten die Wissenschaftler befruchtete und unbefruchtete Weibchen von Stegodyphus dumicola in Gruppen zusammen, so wie es auch in freier Wildbahn der Fall ist. Sofort begannen die Spinnen ein Nest zu weben und die Forscher beobachteten, welche Weibchen welche Aufgaben erfüllten. Es dauerte nicht lange, und die zuvor befruchteten Weibchen legten Eier, die sie anschließend sorgfältig in Kokons aus Spinnseide einspannen. Die meiste Zeit kümmerten sich die Mütter um die Eikokons. Es zeigte sich allerdings, dass sich auch die unbefruchteten Weibchen an der Pflege und Bewachung beteiligten. Eines der achtbeinigen Kindermädchen wurde sogar dabei beobachtet, wie es die Eier eines anderen Weibchens mit seiner eigenen Spinnseide einspann. Nachdem die kleinen Spinnen geschlüpft waren, wurden sie sowohl von ihren leiblichen Müttern als auch von den Kindermädchen mit hochgewürgter Nahrung gefüttert. Doch damit nicht genug: Als die Jungtiere in der Lage waren, selbst Beute zu machen, opferte sich sowohl ein Teil der Mütter als auch der Kindermädchen und ließen sich von den Jungtieren töten und leersaugen. Interessanterweise fand bei den Spinnenweibchen auch eine Aufgabenverteilung innerhalb der Nester statt. Während sich die Mütter größtenteils um die Eikokons kümmerten, waren die unbefruchteten Weibchen auf Beutefang. Das Jagen von Beute ist recht risikoreich. Die Spinnen müssen dafür in weiter außenliegende Teile des Nestes und können so leichter Opfer von Fressfeinden, wie Vögeln, werden. Auch ist die Beute manchmal wehrhaft und kann die Spinnen durchaus verletzen oder töten.

Am Rand des Nestes lauert Gefahr – Vögel, wie dieser Rotbauchwürger (Lanarius atrococcineus), haben es auf Spinnen abgesehen. (Bild: Bernard Dupont; CC-BY-SA-2.0-Lizenz)

Im Laufe vieler Generationen können die Nester von Stegodyphus dumicola riesige Ausmaße annehmen mit über tausend Einzeltieren, die in einem einzigen Nest zusammenleben. Neue Nester werden gegründet, indem sich kleinere Nester vom Hauptnest abspalten oder indem ein einzelnes befruchtetes Weibchen abwandert. Die Männchen, die im Gegensatz zu den Weibchen nur wenige Wochen leben, bleiben meist in dem Nest, in welchem sie zur Welt kamen oder wandern zu direkt benachbarten Nestern. Deswegen sind die Spinnen in einem Nest üblicherweise sehr nah miteinander verwandt. Und darin liegt wahrscheinlich auch der Grund, warum sich die unbefruchteten Weibchen für den Nachwuchs Anderer opfern und auch die risikoreiche Aufgabe des Beutemachens übernehmen. Durch die enge Verwandtschaft ist es für die Kindermädchen nämlich evolutionär sinnvoll, Mütter und deren Nachwuchs im eigenen Nest nach Kräften zu unterstützen. So erhöhen sie die Chance, ihre Gene auch ohne eigene Nachkommen an die nächste Generation weiterzugeben.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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