Beleuchtete Schnecken und hypnotische Klänge

Bild: Cyril Leclerc

In der Kunstinstallation „Slow Pixel“ kriechen 176 mit Leuchtdioden bestückte Schnecken durch eine sich stetig verändernde Klanglandschaft.

Vorsichtig betreten wir die abgedunkelte Halle Zwei des Londoner Kulturzentrums Kings Place und stehen inmitten weißer und farbiger Leuchtpunkte. Eine Klanglandschaft aus summenden Bässen, fremdartigen Klängen und verzerrten Stimmen umgibt uns. Als sich unsere Augen besser an die Dunkelheit gewöhnt haben, erkennen wir die Hauptdarsteller der Kunstinstallation: einhundertsechsundsiebzig Gefleckte Weinbergschnecken (Cornu aspersum), jede von ihnen mit einer Knopfzelle und einer Leuchtdiode auf der Schale. Mittels lichtempfindlicher Sensoren im Raum wird die Frequenz und Lautstärke der hypnotischen Musik durch die Bewegungen der umherkriechenden Schnecken beeinflusst. Die zweitägige Installation mit dem Titel „Slow Pixel“ wurde von dem französischen Künstlerduo Elizabeth Saint-Jalmes und Cyril Leclerc erschaffen und ist eine von mehreren, die im April 2018 (Sonica-Festival) im Kings Place gezeigt wurden. Sie ist Bestandteil der Veranstaltungsreihe Time Unwrapped, bei der es um das Zusammenspiel von Klang und Zeit geht.

Bild: Cyril Leclerc

Die Kunstinstallation lädt dazu ein, sich ganz in die langsame Welt der Schnecken zu versenken. Einige Besucher haben sich zu den leuchtenden Tieren auf den Boden gesetzt. Die sich kontinuierlich bewegenden Fühler der Schnecken werfen Schatten, die je nach Abstand zur Lichtquelle anwachsen und wieder schrumpfen. Im Schneckentempo schwillt die Musik dazu an und ebbt dann ab. Wir erkennen einen Loop der experimentellen Musikgruppe Throbbing Gristle, der aus einem kleinen Lautsprecher (einem Gristleism) dringt. Die rund vier Zentimeter großen Weichtiere, die auf einer Schneckenfarm gezüchtet wurden und ursprünglich zum menschlichen Verzehr vorgesehen waren, scheinen sich an den Leuchtdioden nicht zu stören. Sie erkunden langsam den Raum, kriechen sogar auf den Wänden umher und treffen ab und zu leuchtende Artgenossen, die sie interessiert betasten. In regelmäßigen Abständen werden die Tiere mit etwas Wasser besprüht, denn Schnecken lieben es nun mal feucht. In einer Ecke des Raumes beginnt jemand ein gewundenes Jagdhorn zu blasen. Auch wenn die Schnecken nicht dazu in der Lage sind, Klänge zu hören (sie besitzen keine Hörorgane), können sie doch Vibrationen wahrnehmen und darauf reagieren.

Ein letztes Mal schreiten wir langsam durch den Raum. Dann verlassen wir die Halle wieder und merken beim Blick auf die Uhr, wie wir tatsächlich ein wenig die Zeit aus den Augen verloren haben in dieser Welt aus Dunkelheit, Lichtern, Klängen und Schnecken.

Einen kleinen Eindruck der Installation vermittelt dieses Video.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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