Rosmarin zum Gedenken der Toten

Bild: Lionel Allorge; CC-BY-SA-3.0-Lizenz

Ein Sträußchen Rosmarin kommt den Verstorbenen wie den Lebenden zugute.

Die Kulturgeschichte des Rosmarins (Rosmarinus officinalis) ist eng mit Ritualen zur Bestattung von Toten verknüpft. Bereits im alten Ägypten wurden Zweige dieser stark duftenden Pflanze in die Hände von Verstorbenen gelegt, um ihren Seelen zu helfen, den Weg ins Jenseits zu finden. Die alten Griechen flochten für ihre Toten Kränze aus Rosmarinzweigen. Im Europa der frühen Neuzeit wurde die ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammende Pflanze nicht nur in Totenkronen gebunden, es war auch üblich, dass Trauernde bei Begräbnissen ein Sträußchen Rosmarin bei sich trugen. Man war davon überzeugt, durch den Duft der Pflanze ansteckende Krankheiten abwehren zu können. Also versuchten sich die Trauergäste, die dem Sarg mit dem Leichnam besonders nahe kamen, mit einem Rosmarinsträußchen vor „verdorbener Luft“ zu schützen. Wurde der Sarg in die Erde gelassen, warf man die Zweige mit hinein. Vor allem half der Duft des Rosmarins aber wohl dabei, die Verwesungsgerüche der Leiche zu überdecken.

Wer Rosmarin schon einmal gerochen oder geschmeckt hat, weiß, dass dieses Gewächs aus der Familie der Lippenblütler ein ganz typisches Aroma besitzt. Der charakteristische Duft der Pflanze entsteht durch die in den Blättern enthaltenen ätherischen Öle, die eine Reihe verschiedener Stoffe, wie Cineol, Borneol und Campher, beinhalten. Die ätherischen Öle sind wichtig für den Rosmarin, um Pflanzenfresser, wie Raupen, abzuwehren. Aber sie schützen die Pflanze auch vor einem Befall mit Krankheitserregern, wie bestimmten Bakterien oder Pilzen.

Rosmarin ist nicht nur mit dem Jenseitigen, sondern auch mit Leben und der Liebe assoziiert. Die alten Griechen weihten die duftende Pflanze der Liebesgöttin Aphrodite und versetzten Wein mit Rosmarinblättern, um Liebestränke herzustellen. Und noch heute soll zur Hochzeit ein Strauß Rosmarin der Ehe Schutz und Beständigkeit verleihen.
In William Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“ wird die doppelte Bedeutung des Rosmarins als Hochzeits- und Totenpflanze aufgegriffen. Als die scheintote Julia in ihrem Zimmer aufgefunden wird, fordert der Mönch Lorenzo auf: „[…] Hemmt eure Tränen, streuet Rosmarin / Auf diese schöne Leich, und nach der Sitte / Tragt sie zur Kirch in ihrem besten Staat.“ Und weiter klagt die Gräfin Capulet: „[…] Der Brautkranz dient zum Schmucke für die Bahre / Und alles wandelt sich ins Gegenteil.“

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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