Auge in Auge mit den Wesen der Nacht

Eingang zum Grzimekhaus

Nachtaktive Tiere bewohnen das Untergeschoss des Grzimekhauses im Zoo Frankfurt.

Wenn die Abenddämmerung hereinbricht und sich die tagaktiven Tiere zur Ruhe legen, erwachen die Tiere der Nacht. Um nach Sonnenuntergang auf Nahrungs- oder Partnersuche gehen zu können, besitzen sie spezifische Anpassungen an ein Leben in der Dunkelheit. Viele Nachttiere haben riesige Augen, um auch im schwachen Licht von Mond und Sternen gut sehen zu können, und oft sind der Hör- und Geruchssinn bei diesen Tieren besonders ausgeprägt.

Dem primär tagaktiven Menschen bleibt das Treiben der Nachttiere meist verborgen. Im Grzimekhaus des Frankfurter Zoos ist es jedoch auch tagsüber möglich, einen Einblick in das Leben verschiedener nachtaktiver Tiere zu erhalten. Die Tageszeit ist in dem 1978 eröffneten, und nach dem ehemaligen Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek benannten, Nachttierhaus gegenüber der Außenwelt nämlich um zwölf Stunden versetzt. Indem die Gehege nachts beleuchtet und tagsüber im Dämmerlicht gehalten werden, kehrt sich der Tag-Nacht-Rhythmus der Tiere um, so dass sie bei Tag beobachtet werden können.

Durch den Eingang zum Grzimekhaus, über dem das riesige Modell einer Fledermaus hängt, gelangten wir in die Welt der nachtaktiven Tiere. Nach dem Betreten brauchten unsere Augen zunächst eine Weile, bis sie sich an das Dämmerlicht im Inneren des Nachttierhauses gewöhnt hatten. Informationstafeln nahe dem Eingang erklären den Besuchern den gegensätzlichen Tag-Nacht-Rhythmus von Tagtieren, wie dem Rotkehlchen und Nachttieren, wie dem Igel. Eine Digitaluhr zeigt die im Inneren des Hauses simulierte Uhrzeit an. Wir gingen weiter hinein, vorbei an den ersten Gehegen.

Nachtaffe (vorne) und Zweifingerfaultier (hinten) (Bild: Joachim S. Müller; CC-BY-NC-SA-2.0-Lizenz)

In einem größeren Gehege sprang eine Gruppe von Nachtaffen (Aotus lemurinus griseimembra) im Geäst herum. Nachtaffen sind die einzigen nachtaktiven Affen. Mit ihren großen Augen können sie Entfernungen zwischen Ästen auch im schwachen Dämmerlicht gut abschätzen. Als die Nachtaffen plötzlich unruhig wurden und gebannt in eine bestimmte Richtung starrten, entdecken auch wir das seltsam anmutende Zweifingerfaultier (Choloepus didactylus), welches sich wie in Zeitlupe durch die Äste hangelte. Ebenso wie die Nachtaffen bewohnt das Zweifingerfaultier Wälder in Südamerika. Das Faultier mit dem kleinen runden Kopf schien ganz genau Acht zu geben, an welchen Ästen seine gewaltigen, sichelartig gebogenen Krallen Halt finden können. Sein zotteliges, langes Fell und seine langsame Bewegungsweise dienen dem Faultier als Tarnung. Die Nachtaffen beruhigten sich schnell wieder, wohl wissend, dass von dem Pflanzenfresser keine Gefahr für sie ausgeht, ließen das Faultier aber dennoch nicht aus den Augen.

Die Informationstafel am nächsten Gehege kündigte Schlankloris (Loris lydekkerianus nordicus) an. Diese zierlichen Tiere mit ihren übergroßen runden Augen gehören zu den Feuchtnasenprimaten. Die Unterart, die im Grzimekhaus gehalten wird, kommt nur auf Sri Lanka vor und die Tiere gehören zu einem wissenschaftlichen Zuchtprogramm mit dem Ziel, diese gefährdeten Primaten zu erhalten. Viele Besucher entdeckten den grau-weißen Schlanklori nicht und gingen am Gehege vorbei. Etwas abseits im Schatten saß er jedoch, putzte sich mit seinen langen dünnen Gliedmaßen gemächlich sein Fell und schien die Besucher dabei aufmerksam aus seinen großen Augen zu beobachten.

Brillenblattnase (Bild: Alex Borisenko; CC-BY-SA-3.0-Lizenz)

Ein besonderer Höhepunkt im Grzimekhaus ist die große Anlage für Brillenblattnasen (Carollia perspicillata), einer Fledermausart aus Süd- und Mittelamerika. Das Gehege ist so angelegt, dass man von verschiedenen Seiten Einblick in eine künstliche Höhle erhält. Wir konnten die Fledermäuse gut beobachten, wie sie in der Höhle als schwarze Schatten durch die Luft huschten. Wenn sie nicht gerade umherflogen, fraßen sie von dem angebotenen Obst oder setzten sich kurz an die Höhlendecke, um sich zu säubern und gleich darauf wieder abzuheben. Ihre ausgefeilte Echoortung ermöglicht den Brillenblattnasen ohne Zusammenstöße zu manövrieren. Das Dämmerlicht ist in diesem Fall nur für die Besucher erforderlich, denn mit solch guter Echoortung ist man nicht auf Lichtquellen angewiesen.

Als wir weiter gingen, trafen wir auf eine Traube von Besuchern, die sich vor der Anlage mit den lebhaften Erdferkeln (Orycteropus afer) versammelt hatte. Das Erdferkel ist die einzige heute lebende Art innerhalb der Ordnung der Röhrenzähner und entfernt mit Elefanten und Seekühen verwandt. Die eigentümlichen Tiere mit den großen Ohren und dem kräftigen Schwanz ernähren sich fast ausschließlich von Termiten und Ameisen. Ihre lange Schnauze ist eine Anpassung an diese spezielle Nahrung. In ihrer afrikanischen Heimat laufen Erdferkel in der Nacht oft weite Strecken, um Termitenhügel zu finden. Ihre Augen sind eher klein und eignen sich nur wenig zur Orientierung in der Nacht; dafür nutzen sie ihr Gehör und ihren Geruchssinn. Tagsüber kann man Erdferkeln praktisch nie begegnen. Zum Schutz vor der Hitze des Tages graben sie sich Höhlen, in denen sie den Tag verschlafen. Im Grzimekhaus haben die Tiere eine künstliche Höhle, die, ausgestattet mit einer Kamera, auch einen Blick in den Schlafraum zulässt. Respektvoll wichen die Besucher ein wenig zurück, als eines der etwa 60 cm hohen Erdferkel neugierig an die Glasscheibe kam und mit seiner beweglichen, schweineartigen Schnauze deutlich hörbar zu schnuppern begann.

Unser Favorit im Grzimekhaus war aber das Fingertier (Daubentonia madagascariensis). Dieser große, nachtaktive Lemur ist nur sehr selten in Zoos zu sehen. Bei unserem Besuch war eines der Fingertiere gerade besonders aktiv und stelzte mit aufgerissenen Augen auf den kahlen Ästen umher. Mit ihrem struppigen, schwarzen Fell und den großen Ohren wirken Fingertiere wie nächtliche Kobolde. Ihre ungewöhnlich langen und zeitlebens wachsenden Schneidezähne verleihen ihnen ein schelmisches Grinsen. Doch das, nur auf Madagaskar vorkommende, Fingertier hat noch ein weiteres skurriles Merkmal: sein namensgebender, dünner und verlängerter Mittelfinger, an dessen Ende sich eine scharfe Kralle befindet. Einem madagassischen Aberglauben zufolge dringt das Fingertier nachts in Häuser ein, um Schlafenden die Hauptschlagader mit seinem Mittelfinger zu durchbohren. Tatsächlich ist der Lemur ungefährlich für Menschen, sein Finger spielt aber eine wichtige Rolle bei der Nahrungssuche. Hierbei klopft das Fingertier mit seinem dürren Finger einen Baum ab, um am Geräusch zu erkennen, ob sich dort ein Hohlraum mit einer nahrhaften Insektenlarve verbirgt. Mit den langen Schneidezähnen wird die Rinde dann soweit abgenagt, bis der Finger in das Loch eingeführt und die Larve herausgeangelt werden kann. Gehör und Tastsinn des Fingertiers spielen bei seiner nächtlichen Suche nach Nahrung also eine große Rolle. Im Grzimekhaus konnten wir die außergewöhnliche Nahrungssuche des Fingertiers gut beobachten, da mit Insektenlarven präparierte Holzstücke angeboten wurden. Beim Lauschen am Holz nahm das Fingertier dann einen sehr konzentrierten Gesichtsausdruck an.

Australische Zwerggleitbeutler (Bild: Joachim S. Müller; CC-BY-NC-SA-2.0-Lizenz)

In einem anderen Gehege sprangen Australische Zwerggleitbeutler (Acrobates pygmaeus) in rasender Geschwindigkeit an senkrechten Bambusstäben umher. Es handelt sich bei den possierlichen Tieren um eines der kleinsten Beuteltiere der Welt. Wir konnten den rasanten Bewegungen kaum mit den Augen folgen. Kleine Lamellen mit dazwischenliegenden Schweißdrüsen an der Unterseite der Finger geben den Tieren sogar an Glasscheiben Halt. In den Wäldern Australiens können einem die Zwerggleitbeutler bestimmt einen gehörigen Schrecken einjagen, wenn sie nachts in allen Winkeln des Waldes rascheln und umherhuschen.

Schwimmratte (Bild: ZooPro; CC-BY-SA-3.0-Lizenz)

In einem Gehege mit Wasserbecken konnten wir Schwimmratten (Hydromys chrysogaster) beobachten. Diese Nagetiere, die wie eine Mischung aus nasser Ratte und Otter aussehen, sind nur selten in Zoos zu sehen und recht aufwändig zu halten. Obwohl sie alles andere als Publikumsmagnete sind, handelt es sich bei den Schwimmratten um hochinteressante Tiere. Sie haben viele besondere Anpassungen an ein Leben am Wasser (zum Beispiel verschließbare Nasenöffnungen und Schwimmhäute zwischen den Zehen). In der Dunkelheit der Nacht orientieren sie sich mit ihrem Geruchssinn und auf kurze Distanzen mit ihren langen Tasthaaren an der Schnauze. Schwimmratten gehören zu den wenigen höheren Säugetieren, die es geschafft haben, den von Beuteltieren dominierten australischen Kontinent vor der Ankunft des Menschen zu besiedeln.

Wir verließen den Dunkelbereich. Eine Digitaluhr zeigte wieder die reale Tageszeit an. Im oberen Stockwerk des Grzimekhauses sind weitere Gehege mit tagaktiven Tieren zu sehen, darunter Spitzhörnchen, Zwergmangusten und Kleinkantschile. Weiterhin gibt es auch einen kleinen Außenbereich, unter anderem mit Anlagen für Zwergotter und Totenkopfaffen. Die nachtaktiven Tiere sind im Grzimekhaus jedoch eindeutig die größte Attraktion.

In diesem Artikel haben wir nur eine kleine Auswahl der Tiere, die im Nachttierhaus zu sehen sind, vorstellen können. Es gibt dort aber noch viele weitere, spannende und skurrile Tiere zu sehen, wie Greifstachler, Tüpfelbeutelmarder, Eulenschwalme oder Kurzschnabeligel.

4 Gedanken zu „Auge in Auge mit den Wesen der Nacht

  1. Vielen Dank, Ihr Beiden,

    für Euren unterhaltsamen und interessanten Erlebnisbericht!

    So manch einer dieser geheimnisvollen Erdenmitbewohner blieb mir bei meinem Besuch leider verborgen.

    Kein Wunder, ich wollte ja den gesamten Zoo besuchen, vieles hatte ich noch auf dem Plan und die Schließung der Pforten näherte sich mir unbarmherzig rascher, als mir lieb war …

    So war es mir ein Vergnügen, an Euren Eindrücken teilhaben zu dürfen.

    Eben auch deshalb, weil einige dieser rührenden Wesen des Nachttierhauses an diesem Tag – oder soll ich jetzt besser „Nacht“ sagen ? ;-)… – fernab meiner Blicke ihrem Alltag nachgegangen sind.

  2. Es hat uns gefreut dich im Nachttierhaus zu treffen, obwohl wir ja erst minutenlang nebeneinanderstanden, ohne uns zu erkennen. Da wird einem doch bewusst, wie sehr die Augen des Menschen auf ausreichend helles Licht angewiesen sind.

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