Meisen erbeuten überwinternde Fledermäuse

Im Winter fressen Kohlmeisen manchmal Fledermäuse. (Bild: Tbird ulm; CC-BY-SA-3.0-Lizenz)

Ist der Winter hart, fressen Kohlmeisen das Fleisch von Zwergfledermäusen.

Meisen gelten im Allgemeinen als körner- und insektenfressende Vögel, die für Säugetiere völlig harmlos sind. Schon im Jahr 1947 wurde allerdings von Verletzungen an Fledermäusen in Schweden berichtet, die angeblich von Meisen stammten. Auch in den späten 1990ern gab es Berichte über teilweise noch lebende Fledermäuse, die mutmaßlich von kleinen Vogelschnäbeln verursachte Wunden aufwiesen. Eine Kohlmeise (Parus major) wurde sogar direkt dabei beobachtet, wie sie an einer toten Fledermaus fraß. Da jedoch nicht klar war, inwieweit die Singvögel tatsächlich lebendige Fledermäuse erbeuten, untersuchten Wissenschaftler um Péter Estók das Phänomen in einer Höhle in Ungarn, in der Zwergfledermäuse (Pipistrellus pipistrellus) überwintern.

In dieser Höhle in Ungarn sind Fledermäuse in Gefahr, von Meisen gefressen zu werden. (Bild: Szenti Tamás; CC-BY-SA-3.0-Lizenz)

Die Forscher waren überrascht, als sie die Fledermaus-Höhle in zwei aufeinanderfolgenden Wintern für mehrere Tage besuchten und insgesamt achtzehn Mal beobachten konnten, wie jeweils eine Kohlmeise eine der dort überwinternden Zwergfledermäuse erbeutete. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie 2010 in einem Artikel in der Fachzeitschrift Biology Letters. Um an die Fledermäuse zu gelangen, flogen die Meisen langsam die Höhlenwände ab, in deren Spalten sich die Fledermäuse zurückgezogen hatten. Ab und zu krallten sich die Vögel an kleinen Vorsprüngen fest oder verschwanden kurz in den Spalten der Wand. Entweder fraßen sie die Fledermäuse direkt an der Höhlenwand oder auf dem -boden. Um sie zu transportieren, nahmen sie die Tiere auch in ihre Schnäbel und trugen sie ein kurzes Stück. Manchmal wurden die Fledermäuse sogar aus der Höhle gebracht, in einer Astgabel abgelegt und dort gefressen. Gerade aus dem Winterschlaf erwachende Fledermäuse müssen ihren Stoffwechsel erst wieder erhöhen, um in der Lage zu sein, sich zu wehren oder zu entkommen – das nutzten die Meisen aus. Sie begannen die Fledermäuse als erstes an Kopf, Rücken oder Unterleib anzupicken. Dann verzehrten sie das Gehirn, andere Organe und das Muskelfleisch der Fledermäuse. Lediglich Knochen und Haut wurden übriggelassen.

Überwinternde Zwergfledermäuse sind relativ wehrlos. (Bild: Gilles San Martin; CC-BY-SA-2.0-Lizenz)

Die Forscher glauben, dass die Vögel systematisch nach Fledermäusen suchen, um diese zu erbeuten und zu fressen. Die untersuchte Höhle hat einen relativ großen Eingang, sodass den tagaktiven Vögeln genug Licht bleibt, um sich zurechtzufinden. Bei der Suche nach den Fledermäusen schienen sie sich an den Lauten zu orientieren, die die überwinternden Tiere ausstoßen, wenn sie sich gestört fühlen und erwachen. Um herauszufinden, ob die Vögel diese hochfrequenten Laute wirklich hören können, zeichneten die Forscher die Geräusche von erwachenden Fledermäusen auf und spielten sie Meisen außerhalb der Höhle mit Lautsprechern vor. In der Tat wandten sich die Vögel den Lautsprechern zu und näherten sich. Als die Forscher den Meisen in einem Experiment Sonnenblumenkerne und Schinken anboten, verloren fast alle von ihnen das Interesse an der Fledermaus-Höhle. Die Kohlmeisen fressen die überwinternden Fledermäuse also offenbar aus Mangel an Nahrung. Die kleinen Singvögel sind anscheinend sehr flexibel und machen in ihrer Not auch vor solch ungewöhnlicher Beute nicht halt.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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