In der Dunklen Höhle

Eingang in die Dark Cave

Die Dark Cave in Malaysia ist die Heimat faszinierender Höhlentiere.

Im vergangenen Jahr verschlug es uns für einige Tage nach Malaysia, wo wir unter anderem das Lichterspiel tropischer Glühwürmchen erleben konnten. Doch dies war nicht das einzige eindrückliche Naturerlebnis, denn wir sollten auch die Gelegenheit bekommen, die etwa 15 km nördlich von Kuala Lumpur gelegene Dark Cave (Dunkle Höhle) zu besuchen. Die Dark Cave befindet sich in einem Kalkstein-Massiv im malaysischen Bundesstaat Selangor. Bei der Verwitterung von Kalkstein können Hohlräume entstehen. Und genau das ist dort passiert: Im Laufe von Jahrmillionen haben sich mehrere, teilweise kilometerlange Höhlen in das Massiv hineingegraben. Sie werden als Batu Caves zusammengefasst und beherbergen auch einen Hindutempel, der im 19. Jahrhundert gegründet wurde.

Am Ende der steilen Treppe befinden sich der Tempel und die Dark Cave.

Das bewaldete Massiv bot einen beeindruckenden Anblick. Eine riesige, golden bemalte Statue des Hindu-Gottes Murugan davor zeigte uns, dass der Eingang zum Tempel nicht weit weg sein konnte. Zweihundertzweiundsiebzig steile Treppenstufen führen zur Tempelhöhle hinauf. Unser Fahrer blieb lieber am Wagen. Stattdessen begleiteten uns einige Javaneraffen (Macaca fascicularis), sprangen auf der Treppe herum und schienen deutlich besser mit dem Aufstieg im feuchtwarmen Klima zurechtzukommen als wir. Kurz vor dem Tempel stießen wir auf einen Abzweig und ein Hinweisschild mit der Aufschrift: „Dark Cave“. Wir folgten dem Schild zum schummrigen Eingang der Höhle, wo Texttafeln über die besondere Höhlenfauna des Kalkstein-Massivs informierten. Außerdem waren einige flüssigkeitsgefüllte Präparategläser mit ausgeblichenen Exemplaren verschiedener Fledermausarten ausgestellt; auch eine Schlange lag mit verschlungenem Körper in einem der Gläser. Das überzeugte uns sofort. Wir buchten eine Höhlenführung und bekamen sogleich Helme und Taschenlampen in die Hand gedrückt.

Präparat einer Schönnatter aus der Dark Cave

Im Eingangsbereich der Dark Cave war es noch relativ hell. Wir sahen einige Moose und Farne an den Höhlenwänden; noch genug Licht also, um Fotosynthese zu betreiben. Die Javaneraffen kamen nur manchmal hierher. Sie meiden die dunkleren Teile der Höhle. Wir schalteten die Taschenlampen ein und gingen mit unserer Führerin und einer kleinen Gruppe den vorgesehenen Pfad entlang, tiefer hinein in die Höhle. Nach und nach wurde es dunkler, wobei man das diffuse Licht vom Höhleneingang gerade noch wahrnehmen konnte. Die Steine auf dem Boden waren feucht und glitschig und unser Schuhwerk war für Höhlenerkundungen nicht ideal. Wir sahen einige Schaben. Unsere Führerin erklärte, dass es hier höhlenbewohnende Schaben (Ergaula pilosa und Pycnoscelus striatus) gibt, die sich von Fledermaus-Guano, also dem Kot der Fledermäuse, die in der Höhle rasten, ernähren. Die Schaben spielen für das Ökosystem der Höhle eine wichtige Rolle, denn viele andere Tiere sind für ihre Ernährung auf diese Insekten angewiesen. Im Laufe der Zeit haben sich auch vom Menschen eingeschleppte Schabenarten in die Höhle ausgebreitet, die vor allem in den helleren Bereichen häufig anzutreffen sind. Entlang der Höhlenwände sahen wir zahlreiche Spinnweben. Und endlich eine der zugehörigen Spinnen der Art Psechrus curvipalpus, die geduldig auf Fressbares wartete. In einigen feuchteren Bereichen der Höhle waren blasse Schnecken (Paropeas tchehelense) zu sehen. Auch diese Tiere ernähren sich unter anderem vom nährstoffreichen Guano der Fledermäuse.

Spinnen der Art Psechrus curvipalpus überziehen Teile der Höhlenwände mit ihren Netzen.

Im Jahr 1878 besuchten die ersten europäischen Entdecker die Batu Caves. In den folgenden Jahren wurden mehrere Expeditionen durchgeführt. Zu dieser Zeit wurden hier auch die ersten Höhlentiere, darunter Fledermäuse, untersucht. Eine Reihe von Tierarten wurden so der Wissenschaft erstmals bekannt. Allerdings wurden die in den Batu Caves lebenden Tiere zunächst als nicht besonders relevant für die Höhlenkunde angesehen. Unter den ersten Neuentdeckungen waren nämlich keine echten Höhlenspezialisten, also Tiere, die so stark an Höhlen angepasst sind, dass sie außerhalb nicht überleben können. Ihr scheinbares Fehlen galt als Bestätigung der damals geltenden Lehrmeinung, dass es in den Tropen keine oder nur sehr wenige echte Höhlentiere gibt.

Ausgerüstet mit Taschenlampen erkundeten wir die Höhle.

Obwohl auch dieses Tier kein echter Höhlenspezialist ist, war die Entdeckung der Gliederspinne Liphistius batuensis in den 1920er Jahren eine kleine Sensation. Gliederspinnen gelten als lebende Fossilien, da sie einen segmentierten Hinterleib besitzen; ein ursprüngliches Merkmal, welches bei allen anderen heute lebenden Spinnengruppen im Laufe der Evolution verloren ging. Um ihrer Beute nachzustellen, baut sich die Spinne eine Art Falltür, die sie mit Material aus ihrer Umgebung tarnt. Lange Spinnfäden ragen davon in alle Richtungen nach außen. Die Spinne versteckt sich unter der Falltür und steht mit jedem ihrer Beine auf einem der Fäden. Stolpert ein Beutetier über einen Faden, springt die Spinne heraus und zieht das Opfer in ihr Versteck.

In den 1950er Jahren wurde damit begonnen, den Kalkstein des Massivs im großen Stil abzubauen. Kalkstein wird unter anderem für die Herstellung von Baumaterialien, wie Beton, verwendet. Auch der Fledermaus-Guano wurde abgebaut und als Dünger eingesetzt. Diese Eingriffe bedrohten die Höhlenfauna, die noch längst nicht zur Gänze erforscht war. Proteste von Wissenschaftlern und Naturschutzgruppen verhallten zunächst ungehört. In 1970er Jahren wurde die Dark Cave dann für den Tourismus geöffnet.

Ein Flughund saß kopfüber an der Höhlenwand.

Unsere Führerin ging mit uns weiter in Richtung des komplett dunklen Teils der Höhle. Plötzlich blieb sie stehen und richtete den Schein der Taschenlampe auf einen Flughund, der sich nahe des Bodens an einen Felsen klammerte. Vielleicht war er abgestürzt und suchte seinen Weg zurück an die Höhlendecke. Anders als die echoortenden Fledermäuse können sich Flughunde nicht besonders gut in völliger Dunkelheit orientieren. Mehrere Flughund- und Fledermausarten bewohnen die Dark Cave. Nach einer Weile bat uns unsere Führerin, die Taschenlampen auszuschalten. Es war schlagartig stockfinster. Unsere Augen versuchten sich an den Lichtmangel zu gewöhnen, doch nicht einmal die Umrisse der Höhlenwände waren zu erkennen: Kein guter Ort für Wesen, die auf ihr Augenlicht angewiesen sind. Als wir die Lampen wieder einschalteten, entdeckten wir ein Stück weiter schmale, lange, augenlose Tausendfüßer (Plusioglyphiulis grandicollis) an den Wänden. Auch stießen wir auf Höhlenschrecken (Diestrammena gravely), deren extrem lange Fühler und Gliedmaßen sich gut dazu eignen, um sich in der Dunkelheit voranzutasten. Auf den feuchten Steinen waren winzige, weiße, deutlich segmentierte Kreaturen zu sehen, die uns an sanft gebogene Wirbelsäulen erinnerten. Es handelte sich um eine Art von Tausendfüßern (Ascetophacus macclurei), die ausschließlich in den Batu Caves vorkommt. Außerhalb von Höhlen sind diese Tausendfüßer nicht lebensfähig. Auch die blassen Plattwürmer (Dugesia batuensis) in den Pfützen der Höhle sind in ihrer Verbreitung auf die Batu Caves beschränkt.

Ausschließlich in den Batu Caves zuhause: Der Tausendfüßer Ascetophacus macclurei.

In den 1970er Jahren mehrten sich die Hinweise auf die Existenz echter Höhlenspezialisten in Tropenregionen. Immer neue Expeditionen brachten unpigmentierte Tiere mit fehlenden Augen und allerlei anderen Anpassungen an das Höhlenleben zutage. Auch in den Batu Caves kamen nun ausgewiesene Höhlenforscher zum Einsatz. Sie suchten nicht nur im Fledermaus-Guano nach neuen Arten, sondern auch in den nährstoffarmen Bereichen, tiefer in den Höhlen. Die dort lebenden Tiere, die zum Teil sehr deutliche Anpassungen ans Höhlenleben besitzen, hatte man bei früheren Expeditionen schlicht übersehen. Erst jetzt war der Wille der malaysischen Regierung da, die Höhlen des Massivs unter Schutz zu stellen und einige Jahre später wurde schließlich auch der Abbau des Kalksteins eingestellt. Heute werden die Höhlen sorgfältig verwaltet. Während die Tempelhöhle weiter religiösen Zwecken dient, darf die Dark Cave nur in geführten Gruppen betreten werden. Andere Höhlen wurden für Besucher gesperrt und der Guano-Abbau verboten.

Der langbeinige Hundertfüßer Thereuopoda longicornis an einer Höhlenwand. Im Hintergrund ist ein Tausendfüßer der Art Plusioglyphiulis grandicollis zu sehen.

Zum Ende unserer Höhlenerkundung wies unsere Führerin auf den Boden. Sie waren nicht leicht zu entdecken, denn sie hatten dieselbe Farbe wie ihre Umgebung: Die Falltüren der Gliederspinnen! Insgesamt waren wir sehr überrascht, wie viele Tiere wir auf unserer Führung tatsächlich gesehen hatten, auch wenn uns beispielsweise die Schlange, die wir zu Beginn in dem Präparateglas gesehen hatten, leider verborgen blieb. Diese Schönnattern (Orthriophis taeniurus) können gut an den Höhlenwänden klettern und erbeuten Fledermäuse, die sie durch Umschlingen töten. Auch heute noch werden unbekannte Arten in den Batu Caves entdeckt. Erst vor wenigen Jahren wurde eine neue Art von Bogenfingergeckos (Cyrtodactylus metropolis) von dort beschrieben. Diese Geckos waren zwar schon vorher aufgefallen, aber erst spät wurde klar, dass sie ausschließlich dieses Kalkstein-Massiv bewohnen und eine eigene Art bilden. Als wir zum Eingang der Höhle zurückgingen, erschraken wir kurz, als ein großer Hundertfüßer (Thereuopoda longicornis) unseren Weg kreuzte: Seine zahlreichen stelzenartigen Beine hoben den rund acht Zentimeter langen Körper über den Boden und er rannte so schnell, dass es kaum möglich war, ihn mit dem Schein der Taschenlampe zu verfolgen. Dieses bizarre Tier ist ein Jäger, der in der Höhle kleinere Gliederfüßer erbeutet.

Das helle Licht der tropischen Sonne blendete uns, als wir wieder ins Freie kamen. Anschließend machten wir noch eine Stippvisite in der Tempelhöhle. Mit ihren geschmückten bunten Statuen, Schreinen und der besonderen Beleuchtung war auch sie sehr beeindruckend. Zahlreiche betende Hindus versammelten sich in dem Tempel aus Kalkstein. Man kann hoffen, dass die religiöse Wertschätzung des Tempels und die Schutzmaßnahmen dazu führen, dass das gesamte Kalkstein-Massiv auch in Zukunft erhalten bleibt. Am Fuß des Massivs wartete unserer Fahrer schon ungeduldig an seinem Wagen auf uns. Wir waren froh, dass wir die Gelegenheit hatten, diese besondere Höhle zu besuchen.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.