Tropischer Lichterzauber

Es dämmert bereits – unsere Bootsfahrt auf dem Selangor-Fluss beginnt.

Eine Bootsfahrt zu den Glühwürmchen am Selangor-Fluss in Malaysia.

Es dämmert bereits. Das leise Geräusch von gluckerndem Wasser, welches an das Ufer schwappt, ist zu vernehmen. Gleich beginnt unsere Glühwürmchen-Bootsfahrt auf dem Selangor-Fluss an der Westküste der Malaiischen Halbinsel, etwa eine Autostunde von der Malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur entfernt.

Die schwüle Hitze nimmt auch abends kaum ab. Insektenschutz ist ein Muss, wenn man sich die blutrünstigen Mücken vom Leib halten will, die am Wasser recht zahlreich sind. An dem schwach beleuchteten Steg stehen Bänke, auf denen man zunächst warten muss, um dann in eines der kleinen Holzboote zu steigen. Der Fluss fließt sehr ruhig und langsam. Vorsichtshalber muss man jedoch Schwimmwesten über die Kleidung ziehen, bevor es losgehen kann.

Informationstafeln bereiten die Teilnehmer auf die besondere Bootsfahrt vor. Glühwürmchen (Lampyridae), auch Leuchtkäfer genannt, erzeugen ihr Leuchten mit speziellen Organen durch die chemische Reaktion von Luciferin mit dem Enzym Luciferase. Drei Arten von Glühwürmchen leben in dem Gebiet um den Selangor-Fluss: Pteroptyx tener, Pteroptyx valida und Pteroptyx malaccae. Am häufigsten kommt hier Pteroptyx tener vor. Die ausgewachsenen Tiere dieser Art sind nur etwa fünf Millimeter groß. Die Leuchtkäferlarven ernähren sich von Schnecken, die in Ufernähe zu finden sind. Bei der Schneckenjagd injizieren die Larven ihrer Beute Gift sowie Enzyme, die das Gewebe verflüssigen und ihnen so bei der Aufnahme und Verdauung der Nahrung helfen.

Während der Bootstour kommen die Teilnehmer den Glühwürmchen ganz nahe.

Endlich ist es so dunkel, dass die Fahrt über den Fluss beginnen kann. Wir nehmen in dem Boot Platz und ein Ruderer bewegt das Gefährt bedächtig den Fluss hinunter. Das dunkle Wasser führt Äste mit sich, die vom letzten Sturm heruntergerissen worden sind und nun Richtung Meer transportiert werden. Unser Boot steuert dichter zum Ufer. Und dann entdecken wir die ersten Glühwürmchen! Erst ist es ein einzelner schwach blinkender Lichtpunkt irgendwo in der Ufervegetation. Dann beginnen andere Lichtpunkte mit einzustimmen. Die Tiere sitzen auf den Blättern bestimmter Mangrovenbäume (Sonneratia caseolaris). Wir können aber keine Einzelheiten der Pflanzen erkennen, sondern sehen lediglich die Umrisse ihrer Kronen, die sich vor dem mittlerweile recht dunklen Himmel pechschwarz abzeichnen.

Inzwischen blinken mehrere hundert einzelne Glühwürmchen. Sie leuchten jedoch nicht unabhängig voneinander auf; vielmehr ist es ein synchronisiertes Blinken, das einem eigenen Rhythmus folgt. Ganze Abschnitte der Ufervegetation leuchten so im selben Takt. Zugegeben, ein wenig erinnert es an blinkende Lichterketten, aber die Tatsache, dass es sich um winzige Insekten handelt, die durch Biolumineszenz dieses natürliche Lichterspektakel erzeugen, ist einfach überwältigend.

Bei den blinkenden Glühwürmchen auf den Bäumen handelt es sich um Männchen, die so versuchen, Weibchen anzulocken. Die weiblichen Tiere leuchten ebenfalls, synchronisierten sich allerdings nicht mit ihren Artgenossen. Die Glühwürmchen am Selangor-Fluss verhalten sich damit deutlich anders als die Kleinen Leuchtkäfer (Lamprohiza splendidula), die wir bei ihrem Paarungsflug in Deutschland beobachten konnten und bei denen sowohl die fliegenden Männchen als auch die auf dem Boden sitzenden Weibchen kontinuierlich leuchten.

Das Leuchten der Glühwürmchen ließ sich mit unserer Kamera leider nicht in seiner ganzen Pracht festhalten.

Wir rudern weiter und sehen immer mehr Bäume, die mit winzigen Lichtpunkten geschmückt sind. Ab und zu wird das Boot unter die Äste der Bäume gelenkt, sodass wir von den Lichtern nahezu umringt sind.

Die Population der Glühwürmchen am Selangor-Fluss ist in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen. Hauptsächlich ist die Lebensraumzerstörung durch das Fällen der Mangroven und anderer Bäume dafür verantwortlich. Mittlerweile hat man jedoch den Wert dieser besonderen Tiere erkannt und sie werden nun aufwendig geschützt, indem man die ursprünglichen Lebensraumbedingungen wiederherzustellen versucht, beispielsweise durch das Pflanzen von Mangroven im Uferbereich. Bis diese Bäume groß genug sind, um ausreichend Unterschlupf und ein geeignetes Mikroklima zu bieten, sollen die Tiere zusätzlich unter kontrollierten Bedingungen im Freiland nachgezüchtet werden.

Wir haben noch lange nicht genug von den blinkenden Glühwürmchen, als unser Ruderer das Boot schon wieder Richtung Steg steuert. Rund eine halbe Stunde dauert eine solche Bootsfahrt. Andere Boote mit erwartungsvollen Menschen an Bord legen gerade ab und verschwinden nacheinander in der Dunkelheit. Langsam nähern wir uns wieder dem Steg, der plötzlich viel zu grell erleuchtet scheint. Das Blinken der Glühwürmchen können wir kaum noch ausmachen. Wir steigen aus dem Boot und sind noch ganz gedankenverloren nach diesem Erlebnis. Wir hoffen, dass es gelingt, die kleinen Glühwürmchen dauerhaft zu schützen und dass dieser magische Lichterzauber weiterhin erhalten bleibt.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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