Dracula-Ameisen

Die Arbeiterinnen von Prionopelta vampira haben lange, spitze Zähne an ihren Mundwerkzeugen. (Bild: Verändert nach Rick Overson & Brian L. Fisher; CC-BY-4.0-Lizenz)

Warum Ameisen aus der Unterfamilie Amblyoponinae Kannibalen sind und weshalb das ihre Opfer wenig stört.

Vieles ist an den Ameisen aus der urtümlichen Gruppe der Amblyoponinae eigenartig. Obwohl Arten dieser Unterfamilie auf vielen Kontinenten – vor allem in den Tropen – vorkommen, bleiben sie meist im Verborgenen. Die wenige Millimeter großen Insekten, die nur sehr kleine Kolonien bilden, leben und jagen unter der Erde oder in verrottenden Baumstämmen in immerwährender Dunkelheit. Augen brauchen sie dafür nicht. Diese sind, je nach Art, zu kleinen Punkten verkümmert oder gar nicht vorhanden. Bei der Jagd orientieren sich die Ameisen über ihren Geruchssinn und Tasten die Umgebung nach geeigneten Beutetieren ab. Ihre langen, oft mit spitzen Stacheln oder Zähnen bewehrten Mundwerkzeuge werden bei der Jagd gespreizt und schließen sich bei Kontakt mit einem Beutetier wie eine Zange um das Opfer. Mit einem Stachel am Hinterleib injizieren die Ameisen dann ihr Gift. So können sie auch Beute überwältigen, die um ein Vielfaches größer ist als sie selbst.

Doch die Jäger mit dem kräftigen Biss erhielten ihren Spitznamen „Dracula-Ameisen“, oder auch „Vampir-Ameisen“, nicht wegen ihrer räuberischen Streifzüge im Dunkeln, sondern durch ein viel merkwürdigeres, geradezu vampirisches Verhalten. Bei verschiedenen Arten konnte beobachtet werden, dass sich die Königinnen regelmäßig an ihren eigenen Larven zu schaffen machen. Dabei stechen die Königinnen die wehrlosen Larven mit ihren spitzen Mundwerkzeugen an und lecken die aus den Wunden austretende Körperflüssigkeit (Hämolymphe) auf. In einer Untersuchung wurden aber auch die Arbeiterinnen beobachtet, wie sie Larven der eigenen Kolonie verletzten und ihre Körperflüssigkeit aufnahmen.

Mit ihren Larven gehen Dracula-Ameisen nicht gerade zimperlich um. Mystrium voeltzkowi mit Larven. (Bild: Verändert nach Alex Wild; CC-BY-4.0-Lizenz)

Die „Vampir-Königinnen“ der Art Amblyopone silvestrii ernähren sich ausschließlich von der Körperflüssigkeit ihrer Kinder. In der Regel beißen sie dabei Larven, die kurz vor der Verpuppung stehen. Untersuchungen zeigten, dass Larven, welche die typischen Bissspuren aufwiesen, nicht kleiner waren als andere, die verschont geblieben waren. Deswegen wird vermutet, dass es sich bei dem Verhalten um eine unschädliche Form des Kannibalismus handelt, bei dem die Larven, bis auf Narben, ungeschoren davonkommen.

Doch welchen Sinn hat das ungewöhnliche Verhalten der Dracula-Ameisen? Viele andere Ameisen können Nahrung in ihrem Kropf speichern, diese bei Bedarf hochwürgen und so die Königin, die Larven oder hungrige Arbeiterinnen füttern. Bei den Dracula-Ameisen wurde eine solche Nahrungsweitergabe von Mund zu Mund jedoch nur in Ausnahmefällen beobachtet. Man nimmt deshalb an, dass die Körperflüssigkeit der Larven zum Nahrungstransfer innerhalb der Kolonie dient. Das Beißen der Larven ist somit ein Ersatz für das soziale Füttern.

Die gebissenen Larven entwickeln sich ganz normal. Mystrium oberthueri mit einer Puppe. (Bild: Verändert nach Alex Wild; CC-BY-4.0-Lizenz)

Auch die Larven werden von den Arbeiterinnen nicht gefüttert. Wird Beute gemacht, wird der Nachwuchs von den Arbeiterinnen auf das tote Tier gesetzt, an dem sich die Larven dann selbstständig satt fressen (Fotos von Larven der Gattung Adetomyrma, wie sie sich über ein Beutetier hermachen, sieht man hier). Viele Dracula-Ameisen haben sich auf relativ große Beute, wie bestimmte Käferlarven oder Hundertfüßer, spezialisiert (Fotoaufnahmen australischer Dracula-Ameisen bei der Jagd kann man hier sehen). Solch große Beutetiere werden aber nur relativ selten erlegt und so sind die saftigen Larven eine Art lebender Nahrungsvorrat für schlechte Zeiten. Vor allem für die Königin ist das wichtig, denn so kann sie trotz Nahrungsknappheit weiter Eier legen.

Vieles über die Lebensweise der lichtscheuen Dracula-Ameisen ist noch unbekannt und regelmäßig werden neue Arten entdeckt. Im Jahr 2014 wurden im Rahmen einer Untersuchung sechs neue Arten der Gattung Mystrium aus Madagaskar beschrieben, deren Namen auf die verborgene, mysteriöse Lebensweise hinweisen, darunter M. labyrinth und M. shadow. In einer anderen Studie aus dem Jahr 2015 wurden ebenfalls aus Madagaskar gleich sechs neue Arten beschrieben, darunter Prionopelta vampira, die wegen der spitzen Zähne an ihren Mundwerkzeugen nach den blutsaugenden Untoten benannt wurde.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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