Von der Kunst der lebendigen Darstellung

Hermanus Hendrikus ter Meer im Atelier des Zoologischen Instituts der Universität Leipzig, 1910. (Bild: Naturkundemuseum Leipzig)

Hermanus Hendrikus ter Meer war einer der ersten modernen Tierpräparatoren. Wir haben uns einige seiner Werke im Naturkundemuseum Leipzig angesehen.

Wir sind zu Besuch im Leipziger Naturkundemuseum, um uns die berühmten Dermoplastiken des Tierpräparators Hermanus Hendrikus ter Meer (1871-1934) anzusehen, die sich heute in der Sammlung des Museums befinden. Dermoplastiken sind naturgetreue Präparate meist größerer Tiere, bei denen ein nachgebildeter Körper mit der konservierten Haut des Tieres überzogen wird. Der Präparator des Naturkundemuseums, René Diebitz, der sich freundlicherweise dazu bereit erklärt hat uns herumzuführen, zeigt uns die Werke, die einst den Beginn einer neuen Ära der Präparation einleiteten.

Totenmaske eines Mandrills (Mandrillus sphinx)

Verfahren, um Tierkörper dauerhaft zu konservieren, wie Einbalsamierung und Trocknung, wurden bereits im Altertum eingesetzt. Die Geschichte der modernen Tierpräparation, genauer gesagt der Taxidermie, begann allerdings erst im 18. Jahrhundert. Die frühen Präparate hatten nur relativ wenig mit einer anatomisch korrekten und natürlichen Darstellung von Tieren zu tun. Es handelte sich vielmehr um zusammengenähte Häute, die anschließend ausgestopft wurden. Meist waren die präparierten Tiere Jagdtrophäen, die aus Europa, aber immer häufiger auch aus fernen Ländern mitgebracht wurden. Solche Reisemitbringsel landeten oftmals in Museen, in welchen die Tiere gesammelt, erforscht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Nicht wenige Museen rühmten sich mit der schieren Zahl an ausgestopften Tieren, die sie dicht an dicht in ihren Vitrinen präsentierten. Einigen war diese Art der Präsentation jedoch zu unnatürlich. Und so begann eine neue Generation von Tierpräparatoren bereits Mitte des 19. Jahrhunderts mit neuartigen Methoden zur Tierkörperkonservierung zu experimentieren. Darunter war der Niederländer Hermanus Hendrikus ter Meer, der 1871 in Leiden geboren wurde, und das Handwerk der Tierpräparation von seinem Vater erlernte. Bereits seinem Vater waren eine natürliche Haltung der präparierten Tiere und die anatomisch korrekte Darstellung von Muskeln und Blutgefäßen sehr wichtig. Im Alter von achtzehn Jahren machte Hermanus Hendrikus ter Meer eine Ausbildung bei Friedrich Kerz am Naturhistorischen Museum Stuttgart. Nach seinen Lehrjahren erhielt er gleich mehrere Stellenangebote, darunter aus Leipzig. Dem Zoologen und Tiefseeforscher Carl Chun (1852-1914) gelang es schließlich, ter Meer für das Zoologische Institut der Universität Leipzig zu gewinnen. Chun war Leiter der ersten groß angelegten deutschen Tiefseeexpedition (1898-99). Diese fand mit dem Expeditionsschiff Valdivia statt und diente der Erkundung großer Meerestiefen, die zu dieser Zeit fast gänzlich unerforscht waren. Von der Valdivia-Expedition wurden zahlreiche Tiere mitgebracht; darunter ein Tiefsee-Anglerfisch (Ceratias holboelli), der von ter Meer präpariert wurde. Viele der Tiere waren der Wissenschaft neu, so der von Chun beschriebene Vampirtintenfisch (Vampyroteuthis infernalis).

Präparierte Großtiere in der ter-Meer-Dauerausstellung des Naturkundemuseums Leipzig

Nachdem die Sammlungen des Zoologischen Institutes aufgelöst worden waren, ging eine Vielzahl von ter Meers Werken 1977 in die Sammlung des Naturkundemuseums Leipzig über. Dort befinden sich heute rund 230 seiner Dermoplastiken. Als wir die im Museum ausgestellten ter-Meer-Präparate sehen, können wir kaum glauben, dass diese schon so viele Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Sie wirken äußerst natürlich und nahezu lebendig. In einer Vitrine steht ein gewaltiger Wanderalbatros (Diomedea exulans). Dieses Tier wurde während der Valdivia-Expedition gefangen. Besonders beeindruckt uns das Diorama von zwei Kakapos (Strigops habroptilus), auch Eulenpapageien genannt. Kakapos sind flugunfähige nachtaktive Papageien aus Neuseeland. Diese Vögel sind heute vor allem durch vom Menschen eingeschleppte Fressfeinde akut vom Aussterben bedroht. Das Präparat ist also nicht allein durch die kunstvolle Präparation sehr kostbar.

Blick hinter die Kulissen: Kleinplastik einer Gruppe Orang-Utans

Der Präparator führt uns hinter die Kulissen des Naturkundemuseums und berichtet uns von den Geheimnissen der ter Meer’schen Präparate. Er öffnet einen Schrank, in dem zahlreiche kleine Plastiken von Menschenaffen und Großkatzen stehen. Der Grad an Details bei den Plastiken ist verblüffend. Die Gesichter und Körperhaltungen einer Gruppe von Orang-Utans (Pongo pygmaeus) wirken so naturalistisch, als hätte man den Moment auf einem Foto eingefangen. Der Präparator erklärt, dass diese Kleinplastiken von ter Meer angefertigt wurden, um ihm die Form für die jeweilige Dermoplastik vorzugeben. Aber auch als Bildhauer machte sich ter Meer einen Namen. Seine Plastiken wurden auf diversen Ausstellungen gezeigt und waren bei Sammlern sehr geschätzt. Um die Körperhaltungen der Tiere und ihre Verhaltensweisen genauer zu studieren, unternahm ter Meer auch regelmäßig Besuche in den Zoologischen Garten Leipzig.

Eine Dermoplastik entsteht: Ter Meers Arbeitsschritte bei der Präparation eines Schneeleoparden (Panthera uncia), 1933. (Bild: Naturkundemuseum Leipzig)

Hermanus Hendrikus ter Meer wurde insbesondere mit der Präparation von Großtieren bekannt. Die Herstellung einer solchen Dermoplastik war ein äußerst aufwendiger Prozess. Nach dem Abziehen der Haut (Abbalgen) und ihrer Haltbarmachung mussten die exakten Proportionen des Tierkörpers ermittelt werden. Ter Meer erhielt diese, indem er Teile des Skelettes vermaß, Abgüsse der Muskulatur herstellte und Totenmasken, also Abformungen des Gesichtes, anfertigte. Dann wurde ein Grundgerüst für die Dermoplastik aus Holz gebaut. Eisenstangen gaben die Form der Gliedmaßen und des Halses vor. Mit Maschendraht wurde der Körper geformt und anschließend mit Leinwand bezogen. Darauf wurde eine von ter Meer selbst entwickelte Modelliermasse aufgetragen. An dieser hatte er schon zusammen mit seinem Vater herumexperimentiert; aber erst 1894 fand er die ideale Zusammensetzung, so dass diese gut formbar war und nach dem Trocknen nicht riss. Nachdem das so hergestellte sogenannte Nacktmodell mit einem Klebstoff bestrichen wurde, streifte man ihm die konservierte Haut des Tieres über, die anschließend ausgerichtet und mit Nadeln für einige Zeit fixiert wurde. Schließlich wurde die Haut am Bauch und der Innenseite der Beine vernäht.

Diorama mit dem Präparat einer männlichen Sattelrobbe

Der Präparator René Diebitz führt uns in das erste Obergeschoss des Museums, in der sich die ter-Meer-Dauerausstellung befindet. Große präparierte Säugetiere aus aller Welt sind hier ausgestellt; so zum Beispiel ein Großer Ameisenbär (Myrmecophaga tridactyla) oder verschiedene Arten von Kängurus (Macropodidae). In einer Vitrine werden ausgewählte Kleinplastiken und Totenmasken gezeigt. Auch Dioramen, wie das einer Sattelrobbe (Pagophilus groenlandicus) in einer künstlichen Eislandschaft, sind zu sehen. Solche Dioramen waren damals eine Neuheit. Tiere konnten dadurch in ihrem Lebensraum und in Interaktion miteinander dargestellt werden. Viele große Museen gingen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dazu über, Tierpräparate in Dioramen zu präsentieren und vermittelten den Besuchern so Kenntnisse über die Lebensweise der ausgestellten Tierarten.

Hermanus Hendrikus ter Meer gehört zu den Begründern einer neuen Ära der Präparation. Anstatt Tiere nur zu konservieren und auszustopfen, dienten seine Dermoplastiken der zoologischen Bildung und waren zugleich Kunstobjekte. Ter Meer gab seine hohen Qualitätsstandards auch als Lehrmeister weiter und war Mitbegründer der Deutschen Künstlervereinigung der Museumsdermoplastiker, die den Grundstein für den heutigen Verband Deutscher Präparatoren legte. Im Jahr 1934 starb ter Meer im Alter von 62 Jahren an den Folgen einer Nierenkrankheit, die vermutlich durch seine ständige Arbeit mit arsenhaltigem Konservierungsmittel hervorgerufen wurde. Er fand in einem Urnengrab auf dem Südfriedhof Leipzig seine letzte Ruhestätte, welches mittlerweile eingeebnet worden ist. Durch seine konservierten Kunstwerke bleibt er aber in Erinnerung und ist noch heute Vorbild und Inspiration für zahlreiche moderne Tierpräparatoren.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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