Schmetterling und Mohn – Tier- und Pflanzensymbolik auf den Grabmalen des Melatenfriedhofs in Köln

Wir haben uns auf Kölns altehrwürdigem Zentralfriedhof auf die Suche nach Tier- und Pflanzenmotiven gemacht und sind ihrer Bedeutung nachgegangen.

Zusammen mit Shan Dark vom Schwarzen Planeten haben wir uns Mitte April auf eine Entdeckungsreise zwischen die Gräber des Melatenfriedhofs in Köln begeben. Ein Bericht über unseren gemeinsamen Ausflug und die Geschichte des Friedhofs ist im Artikel Lepra, Hexen und der Tod beim Schwarzen Planeten nachzulesen.

Auf historisch gewachsenen Friedhöfen, wie dem Melatenfriedhof, lassen sich auf Grabsteinen und Grabplatten vielfältige Tier- und Pflanzenmotive finden. Sie lugen hinter verwilderten Grabbepflanzungen hervor oder verbergen sich unter Moospolstern. Einigen begegnet man häufiger, wie dem Schmetterling, während andere, wie der Löwenzahn, auf den ersten Blick eher ungewöhnlich anmuten. Diese Motive sind weit mehr als nur bloße Zierde, sie besitzen meist eine starke symbolische Bedeutung, die mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tod zusammenhängt oder an den verstorbenen Menschen erinnern soll. Aber beginnen wir ganz am Anfang. Und zwar am Südeingang des Melatenfriedhofs, durch den wir das Gräberfeld betraten.

Auf Anhieb entdeckten wir auf einem großen Grabkreuz einen golden schimmernden Schmetterling, ein seit der Antike verwendetes Symbol für die Seele. Schmetterlinge durchlaufen während ihres Lebens eine Metamorphose, sie entwickeln sich von einer Raupe zur Puppe und schließlich zu einem erwachsenen Falter. Die Raupe ist ein Symbol für das mühsame irdische Dasein der Menschen, welches mit der Verpuppung sein Ende findet. Der Falter, welcher aus der scheinbar leblosen Puppe schlüpft, symbolisiert die den Tod überwindende Seele. Die Darstellung der Seele als Schmetterling findet sich insbesondere seit dem Klassizismus häufig auf Grabmalen und ist dann vor allem als Symbol für die christliche Vorstellung der Auferstehung zu deuten.

Weiter ging es auf den verwinkelten Wegen des Melatenfriedhofs bis wir auf einem Grabstein einen Palmwedel entdeckten. Darstellungen von Palmwedeln sind auf dem Friedhof relativ häufig zu finden, meist in Form von einzelnen Wedeln, zum Teil aber auch gekreuzt übereinander liegend. Dattelpalmen sind in Vorderasien und Nordafrika seit Jahrtausenden bedeutende Nutzpflanzen und die Darstellung von Palmwedeln lässt sich bereits bei den Kulturen des alten Orients finden. Über die Römer fand der Palmwedel seinen Weg in die christliche Symbolik, wo er ein Attribut der Märtyrer ist und darüber hinaus die Palme als Paradiesbaum symbolisiert.

Plötzlich erblickten wir mehrere Löwen, die auf dem Dach einer Gruft thronten. Allein durch diesen Anblick strahlte die Gruft eine herrschaftliche Atmosphäre aus. Als eines der größten Landraubtiere der Erde, gilt der Löwe als „König der Tiere“ und ist ein Symbol für Macht und Stärke. Löwen dienen deshalb häufig als Wächterfiguren. Der Löwe kann aber auch eine andere Bedeutung haben. Der Legende nach schläft er nie und soll seine totgeborenen Jungen nach drei Tagen durch sein Gebrüll erwecken. Deshalb gilt der Löwe auch als ein Symbol für die Auferstehung.

Der Phönix ist auf dem Melatenfriedhof nicht leicht zu entdecken. Er ist auf einer Urne abgebildet. Die Darstellung zeigt den Vogel wie er die Flügel ausbreitet und aus dem Feuer, das unter ihm lodert, emporsteigt. Der mythische Vogel Phönix, der sich der Legende nach selbst auf dem Scheiterhaufen verbrennt, um nach drei Tagen als junger Vogel aus der Asche wiederaufzuerstehen, ist ein Symbol für den Opfertod und die Auferstehung Christi. Auf neuzeitlichen Gräbern symbolisiert der Vogel aber auch häufig die Feuerbestattung.

Auf mehreren Grabmalen konnten wir Darstellungen von Rosen entdecken. Rosen sind zum einen ein Symbol von Maria, der Mutter des Jesus, zum anderen verweisen sie mit ihren Stacheln (im botanischen Sinne sind es keine Dornen) auf die Dornenkrone sowie mit ihren roten Blütenblättern auf die Wundmale Christi. Weiterhin sind Rosen natürlich auch ein generelles Symbol der Liebe.

Die metallene Sonnenblume, die eine Grababsperrung ziert, war mit ihren großen Blütenständen gut zu erkennen. Sonnenblumen verdanken ihren Namen der Eigenschaft, ihre Blätter und Knospen stets nach der Sonne auszurichten und sind als Erntesymbol eine Metapher für den Herbst des Lebens.

Auf einem Grabstein erblickten wir Darstellungen verwelkter Blumen. Während in der Regel versucht wird, Gräber mit möglichst frischen Blumen zu verzieren, scheint dieses Motiv auf den ersten Blick recht ungewöhnlich. Verwelkte Blumen haben jedoch eine besondere Bedeutung; als klassisches Vanitas-Symbol stellen sie die Vergänglichkeit dar.

Ein Grab, das wir besonders interessant fanden, zeigt eine steinerne Schlange, die sich um den Grabstein windet. In den detailliert gearbeiteten Schuppen des Tieres hat sich dunkelgrünes Moos festgesetzt. (Ver)witternd streckt sie ihre gespaltene Zunge hinaus. Der Grabstein zeigt außerdem einen fünfzackigen Stern mit dem Auge Gottes und wir konnten das griechische Wort „Gnosis“ (Erkenntnis) entziffern. Schlangen können auf Grabmalen zahlreiche verschiedene Bedeutungen haben, insbesondere stehen sie für den Sündenfall oder die Erlösung, sowie, als sich selbst in den Schwanz beißender Ouroboros, für die Ewigkeit.

Eine Reihe von Gräbern ist mit in Stein gehauenen Pflanzen verschiedener Arten geschmückt. Einige der Motive sind schon leicht verwittert. Bei dem Ilex konnten wir jedoch noch alle Details, wie die stacheligen Blätter und die runden kleinen Früchte, gut erkennen. Ebenso wie andere immergrüne Pflanzen, beispielsweise der Efeu, symbolisiert der Ilex die Unsterblichkeit und das ewige Leben.

Ein sehr häufiges Motiv auf dem Melatenfriedhof ist der Mohn, der als Mohnblüte oder als Samenkapsel Grabsteine ziert. Wegen der berauschenden und einschläfernden Wirkung der in seinem Milchsaft enthaltenen Alkaloide wurde der Mohn in der Antike zum Symbol für den Schlaf (Hypnos), den Zwillingsbruder des Todes (Thanatos). Insbesondere im Klassizismus wurde die Pflanze häufig auf Grabmalen dargestellt, wo sie einen sanften Tod symbolisiert.

Auf einigen Grabmalen konnten wir Weinreben erkennen. Wein ist zum einen ein Symbol für das christliche Abendmahl, zum anderen aber auch ein Erntesymbol, das an die Vergänglichkeit erinnern soll.

Auf mehreren Gräben des Melatenfriedhofs waren Tauben zu entdecken. Eine Taube kann den heiligen Geist darstellen oder, mit Verweis auf die Taube, welche Noah am Ende der Sintflut einen Ölzweig brachte, ein Symbol der Rettung sein.

Fast übersahen wir auf einem Grab eine steinerne Riesenmuschel, die als Behältnis einer Grabanpflanzung dient. Die Bepflanzung an sich war bereits verwelkt und gab dem Ganzen einen düster-romantischen Anklang. An sich wäre allein dieser Anblick ein gelungenes Bild für die Vergänglichkeit. Aber auch die Muschel ist ein Vanitassymbol. Eine Reihe von Muschelarten ist dazu in der Lage, Perlen zu bilden. Da die Perle im Inneren einer Muschel verborgen bleibt, stellt die Muschel ein Symbol dafür dar, dass sich das Wesentliche nicht in Äußerlichkeiten ausdrückt.

Shan Dark machte eine ganz besondere Entdeckung auf dem Melatenfriedhof. Auf einem Grabstein fand sie die Darstellung von Löwenzahn. Wegen ihrer Verwandlung von der leuchtend gelben Blüte zur Pusteblume, die ihre Samen mit dem Wind davonschweben lässt, symbolisiert diese Pflanze die Vergänglichkeit.

Ein kleines Grab nahe der bekannten Statue des Sensenmanns mit der Sanduhr überraschte uns damit, dass auf dem runden, relativ modernen Grabstein ein Frosch aus Stein scheinbar friedlich schlafend auf dem Rücken lag. Zwar symbolisieren Kröten auf Grabmalen gelegentlich den Teufel oder die Verwesung, dieser Frosch hat jedoch eine andere Bedeutung. Er erinnert an einen verstorbenen Jungen, welcher den Kosenamen „Fröschlein“ trug. Die Familie des Jungen erwarb eine Patenschaft dieser Grabstelle und somit auch das Recht hier ihren Sohn zu bestatten. Auch auf zahlreichen anderen Grabmalen kann man Tier- oder Pflanzendarstellungen mit einem sehr persönlichen Bezug zum Verstorbenen entdecken, etwa als Symbol für den Beruf, wie die Äskulapschlange, oder als Wappenfigur.

Als sich der Tag dem Ende zuneigte, schlenderten wir in Richtung Ausgang und versuchten noch so viele Eindrücke wie möglich mitzunehmen. Wir verließen zusammen das Gräberfeld und freuten uns auf ein Wiedersehen mit den steinernen Tieren und Pflanzen des Melatenfriedhofs. Sicher ist dieser Friedhof nicht der einzige, der eine reichhaltige Tier- und Pflanzensymbolik bietet. Ein genaues Hinsehen auch auf anderen historischen Friedhöfen lohnt sich gewiss.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

8 Gedanken zu „Schmetterling und Mohn – Tier- und Pflanzensymbolik auf den Grabmalen des Melatenfriedhofs in Köln

  1. Ein wunderbarer Text über – wie nennt man diese Fachrichtung eigentlich? Biologie ist es ja nicht, Nektrologie? Zu tot für soviel Leben? Gibt es schon einen Lehrstuhl für Nekrobiologie? Ich muß unbedingt diesen Friedhof besuchen!

  2. Nekrobiologie klingt gut. :-) Es freut uns, dass dir der Artikel gefällt; ein Besuch auf dem Melatenfriedhof lohnt sich, allein schon der schönen Fotomotive wegen.

  3. Also ich bin ganz _unbedingt dringend_ für NEKROBIOLOGIE – was für ein wunderbarer Vorschlag, Dennis! Es geht ja hier im Blog nicht nur um Sepulkralkultur das Bestattungswesen betreffend, sondern um „schwarze Biologie“. ;)

  4. Ein immer wieder lesenswerter Beitrag, der mich schon selbst nach diesen Symbolen suchen ließ!
    Ich liebe alte Friedhöfe, von denen auch Dresden eine Menge zu bieten hat!

    Liebe Grüße
    Llu ♥

  5. Danke für den nützlichen Artikel. Dachte schon, die Mohnkapseln sei eventuell ein ganz „unauffälliger“ Hinweis auf Morphinisten, da Opium in Deutschland erst 1929 illegal wurde. Wo ist eigentlich mein naives Ich hingekommen, tststs.

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