Rückblick auf die Veranstaltung „Weekend of Anatomy: The Afterlife of Animals“ am Museum Vrolik in Amsterdam

Ein Fuchsschädel aus Schokolade (Bild: Romany Reagan)

Interessante Vorträge, anspruchsvolle Workshops und hautnahe Vorführungen drehten sich um Tiere und den Tod.

Tiere und ihr „Leben nach dem Tod“ waren das Thema des vierten Weekend of Anatomy, das am 22. und 23. April 2017 am Museum Vrolik in Amsterdam stattfand. Für uns startete die Veranstaltung bereits am Abend vor dem offiziellen Beginn in der altehrwürdigen Artis-Bibliothek. Vorsichtig schlug Hans Mulder, der Kurator dieser im 19. Jahrhundert begründeten naturwissenschaftlichen Büchersammlung, einige seiner kostbarsten Bände für uns auf und zeigte diverse Illustrationen. So unter anderem die Darstellung eines angeblichen Drachen. Auf uns wirkte die seltsame Gestalt wie eine unförmige ausgestopfte Schlange, an welche die Beine eines anderen Tieres genäht wurden. Der Kurator erklärte uns die unglaubliche Geschichte dahinter: Papst Gregor XIII., der heute vor allem wegen der auf ihn zurückgehenden Kalenderreform bekannt ist, entstammte dem italienischen Adelsgeschlecht der Boncompagni, deren Wappen einen Drachen zeigt. Da der Drache als Symbol des Antichristen galt, war das Wappen zunächst ein Hindernis für seine Wahl zum Papst. Kurz vor der Papstwahl im Jahr 1572 „gelang“ aber ausgerechnet seinem Sohn der Fund des im Buch dargestellten Drachen, was als göttliches Omen interpretiert wurde und dazu beitrug, dass Gregor XIII. letztendlich doch zum Papst gewählt wurde. Nach der Führung durften wir uns noch ein wenig in der Bibliothek umschauen und die oftmals sehr aufwendig gestalteten Einbände der historischen Bücher bewundern. Es fiel uns am Ende schwer, uns von der faszinierenden Büchersammlung loszureißen.

Ob es sich hier wirklich um einen echten Drachen handelt?

Der nächste Tag war vollgepackt mit einem vielfältigen und unterhaltsamen Vortragsprogramm. Unter anderem eröffnete uns Joanna Ebenstein von Morbid Anatomy in ihrem Vortrag einen Einblick in die kuriose Welt des Tierpräparators Walter Potter (1835-1918). In seinen ungewöhnlichen Werken tragen die ausgestopften Tiere oftmals Kleidung und nehmen menschenähnliche Posen ein. In einem seiner Dioramen wird beispielsweise ein totes Rotkehlchen (Erithacus rubecula) in einem gläsernen Sarg von anderen Vögeln zu Grabe getragen. Eine Schleiereule (Tyto alba) wartet bereits auf den Beerdigungszug und hält mit ihrem Fuß noch die Schaufel, mit der das Grab ausgeboben wurde. Die Szene spielt auf das englische Kinderlied „Who Killed Cock Robin“ an.

Marijke Besselink vom Naturalis Biodiversity Center in Leiden berichtete vom Nachleben der um 1690 ausgestorbenen Dronte (Raphus cucullatus; auch als Dodo bekannt). Der Mensch und seine tierischen Begleiter, wie Schweine und Ratten, sorgten für die Ausrottung dieses flugunfähigen Vogels, der nur auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean lebte. Lediglich Knochen, sowie ein paar andere Überbleibsel, darunter der mumifizierte Kopf und Fuß eines Exemplars, sind heute noch erhalten. Sie bilden zusammen mit historischen Zeichnungen und Gemälden die Grundlage für wissenschaftliche Rekonstruktionen. So kann man die Dronte zumindest digital wieder auferstehen lassen und dadurch etwas über ihre Biologie und die Evolution ihres Körperbaus lernen.

Parm berichtete unter anderem über den Totenkopfschwärmer.

In unserem Beitrag präsentierte Parm diverse Tiere, die mit Tod und Jenseits in Verbindung gebracht werden. So galt etwa der Totenkopfschwärmer (Acherontia atropos), wegen seiner an einen menschlichen Schädel erinnernden Zeichnung, als Omen für den bevorstehenden Tod. Der Totenkopf auf dem Rücken des Falters ist jedoch Teil seiner Tarnung, die dem nachtaktiven Schmetterling ermöglicht, tagsüber unentdeckt zu bleiben. Dieser Vortrag wird übrigens am 3. Juni 2017 bei unserer Veranstaltung im Naturkundemuseum Leipzig in deutscher Sprache zu hören sein.

Dieses Gürteltier aus Wachs entstand im Workshop von Eleanor Crook.

Im Anschluss an die Vorträge konnten die Teilnehmer verschiedene Workshops besuchen. Unter anderem gab es einen Kurs, der von der Bildhauerin Eleanor Crook geleitetet wurde. Hier konnte man sich mit Wachs, Gläsern und Ölfarbe ein eigenes, an die Werke des niederländischen Anatomen Frederik Ruysch angelehntes, „Präparat im Glas“ kreieren. Das blasse Wachs wurde von den Kursteilnehmern geknetet und formte sich langsam zu kleinen Gestalten, menschlichen Gesichtern und Gürteltier-Föten. Ein wenig Farbe verlieh den Kreaturen eine gewisse Lebendigkeit bevor die Wachs-Präparate schließlich in die mit Wasser gefüllten Gläser sanken.

Im Kurs der anatomischen Illustratorin Lucy Lyons lernten die Teilnehmer, wie man Tierpräparate anatomisch korrekt zeichnet.

Annabel de Vetten von Conjurer’s Kitchen leitete einen Workshop, in dem Fuchsschädel aus Schokolade glasiert und dekoriert wurden. Bereits die vorgeformten Schädel, die an jeden Teilnehmer ausgegeben wurden, sahen sehr ansehnlich aus. Mit dunkler Glasur wurden Augenhöhlen und Knochennähte hervorgehoben, wodurch sie täuschend echt wirkten, wäre da nicht der verführerische Schokoladengeruch gewesen. Dekoriert mit Formen aus Zucker und Schokolade verwandelten sich die Schädel anschließend in essbare Kunstwerke.

Ein sehr beeindruckendes Präparat war der halbierte Kopf eines Krokodils, der viele Details offenbarte.

Am letzten Tag der Veranstaltung fanden verschiedene Vorführungen statt, die sich alle um Tierpräparate drehten. Die Teilnehmer konnten den Stücken außergewöhnlich nahekommen und sie sogar in den Händen halten. In einem der Räume wurde die Präparation einer Rabenkrähe (Corvus corone) vorgeführt. Zunächst muss dabei die Haut mit den Federn behutsam vom restlichen Körper abgezogen werden. Die Präparatorin trug keine Handschuhe, um ein besseres Gefühl bei den dünneren Hautpartien zu haben; denn wenn zu stark an der Haut gezogen wird, kann sie schnell einreißen. Der vielleicht am unangenehmsten zu betrachtende Teil war, als die Augen herausgedrückt und anschließend abgeschnitten wurden und die Gehirnmasse aus dem Schädel entfernt wurde. Da Schädel und Schnabel später mit in die Dermoplastik eingearbeitet werden, dürfen dort keinerlei Gewebereste mehr vorhanden sein.

Ein Präparator erklärte, wie man lose Knochen so zusammenfügt, dass sie wieder ein naturalistisches Skelett bilden. Hier zu sehen sind die montierten Skelette von Krabbentauchern (Alle alle).

Insgesamt war das diesjährige Weekend of Anatomy wieder eine äußerst spannende und abwechslungsreiche Veranstaltung, die uns und den anderen Teilnehmern sehr gefallen hat. Im Laufe des Events, das sich in den Abendstunden in diversen Restaurants fortsetze, konnten wir viele neue Kontakte knüpfen und Freunde und Bekannte wiedertreffen, von denen einige bereits mit auf dem ersten Weekend of Anatomy dabei waren.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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