Leichendiebstahl und Sektionen – Über die Ausstellung „Doctors, Dissection and Resurrection Men“

In der aktuellen Sonderausstellung des Museum of London können Besucher die Geschichte der anatomischen Sektionen und der dafür notwendigen Beschaffung von Leichen im England des frühen 19. Jahrhunderts erleben.

Mit Sack und Schaufel wurde William Millard, der angesehene Leiter einer Londoner Anatomieschule, in einer Nacht des Jahres 1825 auf dem Friedhof des Royal London Hospitals aufgegriffen und verhaftet. Er war gerade dabei, sich eine frische Leiche für eine anatomische Sektion zu besorgen. William Millard wurde ins Gefängnis gesperrt, wo er wenig später verstarb. Nach seinem Tod veröffentlichte seine Frau Anne Millard eine Schrift zu seiner Verteidigung. Diesem Text zufolge holte sich William Millard die Leichen mit stillschweigender Erlaubnis des Krankenhauses. Am Royal London Hospital solle es sogar einen speziellen Bestattungsort für die sezierten Leichen geben. Ein solcher Platz war allerdings auf keinem Plan des Krankenhauses verzeichnet.
Erst mehr als 180 Jahre später sollte sich zeigen, dass Anne Millard Recht hatte, als im Jahr 2006 Archäologen des Museum of London bei Ausgrabungen am Royal London Hospital auf einen Friedhof aus dem 19. Jahrhundert stießen. Viele der Skelette, die auf der Begräbnisstätte gefundenen wurden, zeigen deutliche Anzeichen von Sektionen. Dieser Fund veranlasste das Museum of London dem Thema der anatomischen Sektionen und Leichenbeschaffung im frühen 19. Jahrhundert eine Ausstellung mit dem Titel „Doctors, Dissection and Resurrection Men“ zu widmen.

Im Vereinigten Königreich waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts hingerichtete Mörder die einzigen Leichen, die zur Ausbildung von Chirurgen verwendet werden durften. Da es in London eine große Anzahl öffentlicher und privater Anatomieschulen gab, existierte allerdings ein deutlich höherer Bedarf an Leichen als legal verfügbar waren. Die benötigten Leichen wurden daher von berufsmäßigen Leichendieben (Body Snatchers) geliefert. Diese stahlen frische Leichen von den Friedhöfen der Stadt (daher wurden sie auch als „Ressurection Men“ bezeichnet) und verkauften sie zur Sektion an die Anatomieschulen. Die Zusammenarbeit zwischen Leichendieben und Anatomen war zu dieser Zeit weit verbreitet. Da es damals für die meisten Menschen eine grauenvolle Vorstellung war, nach dem Tod das Objekt einer anatomischen Sektion zu werden, wurden vielfach Vorsichtsmaßnahmen gegen Leichendiebe ergriffen, wie zum Beispiel eiserne Särge und vergitterte Gräber. Das Phänomen des Leichendiebstahls hat übrigens auch die englische Autorin Mary Shelley in ihrem Roman „Frankenstein“ aufgegriffen.

Sezierter Schädel aus der Begräbnisstätte am Royal London Hospital (Bild: Museum of London Archaeology)

Die am Royal London Hospital gefundenen menschlichen Überreste bilden das Zentrum der aktuellen Ausstellung im Museum of London. Die in einer unübersichtlichen Mischung aufgefundenen Knochen von etwa 262 Skeletten weisen zahlreiche Spuren von Sektionen auf. In der Ausstellung werden ausgewählte Stücke präsentiert, um verschiedene historische Praktiken der Anatomen wie Schädelöffnungen (Trepanationen) oder die Injektion von Pigmenten zur Färbung der Blutgefäße zu verdeutlichen. Ein mit unterschiedlich großen Bohrlöchern durchsiebter Schädel lässt Rückschlüsse auf die Vielfalt der Sezierinstrumente zu. Einige Knochen zeigen auch Anzeichen von Erkrankungen und Brüchen, unter welchen die Sezierten zu Lebzeiten gelitten hatten. Auffällig ist, dass sich unter den in der Begräbnisstätte gefundenen Toten deutlich mehr Männer als Frauen befanden. Männliche Leichen waren auf Grund ihrer ausgeprägteren Muskulatur als Sektionsobjekte beliebter. Neben den menschlichen Überresten fanden die Archäologen auch zahlreiche sezierte Tiere, wie Hunde, Katzen oder Schafe, auf die bei Mangel an menschlichen Leichen ausgewichen wurde.
Neben den Originalfunden präsentiert die Ausstellung auch zahlreiche weitere Exponate aus der Zeit, darunter Abbildungen und Dokumente, medizinische Instrumente sowie anatomische Wachsmodelle, welche einen erstaunlichen Detailgrad aufweisen. Die Exponate der Ausstellung werden durch verschiedene Multimedia-Installationen bereichert. Unter den in der Ausstellung gezeigten anatomischen Präparaten fällt besonders das Skelett eines kleinen Jungen unter einer Glashaube auf. Das Skelett mit präparierten Blutgefäßen stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und wurde, was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war, von den Eltern des verstorbenen Jungen gestiftet.

Anatomisches Wachsmodell eines menschlichen Kopfes (Bild: Science Museum, Science and Society Picture Library)

Der Mangel an Präparaten in den Anatomieschulen ließ den Preis für Leichen immer weiter steigen. Eine frische erwachsene Leiche konnte einen kompletten Monatslohn wert sein. Der Verkauf von Leichen war so lukrativ, dass die Serienmörder William Burke und William Hare zwischen 1827 und 1828 in Edinburgh siebzehn Morde begingen, um die Toten als anatomische Präparate zu verkaufen. Der Fall versetzte die Bevölkerung des Vereinigen Königreichs in Angst und Schrecken und wurde unter anderem von Robert Wise 1945 in dem Film „Der Leichendieb“ (The Body Snatcher) mit Boris Karloff und Bela Lugosi aufgegriffen. Im Jahr 1831 gab es einen ähnlichen Fall in London, als ein Mörder-Trio (John Bishop, Thomas Williams und James May) einen 14-jährigen Jungen (der als „Italian Boy“ bekannt wurde) töteten, um seine Leiche zu verkaufen. Dieser Fall wird in der Ausstellung eindrücklich geschildert.
In Anbetracht der kaltblütigen Morde und auch um den Leichendiebstahl auf den Friedhöfen zu stoppen, wurde im Jahr 1832 durch das Anatomiegesetz (Anatomy Act) eine Möglichkeit für die Anatomieschulen geschaffen, legal an eine ausreichende Zahl von Leichen zu gelangen. Durch dieses Gesetz waren alle Verstorbenen, die nicht von Angehörigen beansprucht wurden, zur Sektion freigegeben. Dies betraf vor allem die Leichen von Armen, die in Kranken- oder Arbeitshäusern verstorben waren. Die Verabschiedung des Gesetzes war von kontroversen Diskussionen begleitet, die in der Ausstellung in einem Film gezeigt werden. Durch das Anatomiegesetz endete der Leichenhandel in den folgenden Jahren. Das Gesetz blieb bis zum Jahr 2004 gültig; seit dem ist im Vereinigen Königreich für eine Körperspende die Zustimmung des Spenders erforderlich.

Am Ende der Ausstellung werden dem Besucher Einblicke in moderne Methoden der anatomischen Ausbildung (z.B. virtuelle Sektionen) gegeben, sowie ein Bezug zur aktuellen Organspende-Thematik hergestellt. Die einzigartige Ausstellung am Museum of London wird noch bis zum 14. April 2013 zu sehen sein.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.