Im Reich der viktorianischen Dinosaurier

Die lebensgroßen Betonstatuen stehen auf mehreren künstlichen Inseln im Süden des Crystal Palace Parks.

Ein Park im Süden Londons beherbergt die weltweit ältesten Statuen prähistorischer Tiere.

Riesige Kreaturen zeugen im Londoner Crystal Palace Park von der Vergangenheit – von ihren Jahrmillionen zurückliegenden Lebzeiten ebenso wie von den Anfangstagen ihrer Erforschung. Die Mitte des 19. Jahrhunderts angefertigten „Crystal Palace Dinosaurs“ stellen verschiedene prähistorische Tiere in Lebensgröße dar und waren die ersten Statuen solcher Lebewesen überhaupt.

Der Crystal Palace (Kristallpalast) war ein gigantischer Kuppelbau, der ursprünglich für die Weltausstellung von 1851 im Londoner Hyde Park errichtet wurde. Nach dem Ende der Ausstellung wurde das Gebäude an seinem ursprünglichen Standort abgebaut und in einem eigens angelegten Park im Süden Londons, dem Crystal Palace Park, wiedererrichtet. Zur Eröffnung dieses neu aufgebauten Kristallpalastes im Jahre 1854 wurden auch dreiunddreißig Betonstatuen prähistorischer Tiere aufgestellt. Der Crystal Palace brannte im Jahr 1936 schließlich ab und wurde danach nicht wiederaufgebaut. Die Crystal Palace Dinosaurs haben hingegen bis heute überlebt.

Die Statuen der prähistorischen Tiere stehen im Süden des Parks auf vier in einem See gelegenen Inseln, dem sogenannten „Dinosaur Court“ („Dinosaurier-Hof“). Die Figuren wurden von dem englischen Bildhauer Benjamin Waterhouse Hawkins (1807-1894) angefertigt, der dafür von dem bedeutenden Geologen und Paläontologen Richard Owen (1804-1892) beraten wurde. Zum damaligen Zeitpunkt lagen die ersten wissenschaftlichen Beschreibungen von Dinosaurierfossilien erst wenige Jahrzehnte zurück und die Erforschung dieser Tiere hatte gerade erst begonnen.

Dicynodon mit seinen langen Zähnen. (Bild: London looks)

Die Figuren im Dinosaur Court sind nach ihrem Auftreten in der Erdgeschichte auf den verschiedenen Inseln verteilt, die sich in chronologischer Reihenfolge von Südwesten nach Nordosten erstrecken. Die Inseln entsprechen dabei den Zeitaltern des Primär, Sekundär, Tertiär und Quartär. Abgesehen vom Quartär werden diese Bezeichnungen heute aber nicht mehr in der geologischen Zeitskala verwendet. Auch wenn die absoluten Zeiträume der Erdgeschichte beim Bau der Statuen noch weitestgehend unbekannt waren, ist die Reihenfolge der Figuren auch nach heutigem Kenntnisstand größtenteils korrekt.

Von Süden kommend, treffen Besucher des Parks zunächst auf die Primär-Insel. Hier lassen sich zwei Figuren finden, die wie riesige Schildkröten mit Hauern wirken. Es handelt sich um säugetierähnliche Reptilien der Gattung Dicynodon. Diese Pflanzenfresser lebten vom Perm bis zur Trias. Die Rekonstruktionen von Hawkins und Owen besitzen große Rückenpanzer, die Owen wegen Ähnlichkeiten der Dicynodon-Fossilien mit den Knochen heutiger Schildkröten vermutete. Zur Entstehungszeit der Statuen waren von vielen der Tiere nur wenige Fossilien bekannt und alles andere musste anhand von (tatsächlichen oder vermeintlichen) Übereinstimmungen mit heute lebenden Tieren angenommen werden. Einen Rückenpanzer hatte Dicynodon aber definitiv nicht. Heute glaubt man, dass die Tiere eher Flusspferden ähnelten.

Prähistorische Amphibien auf der Primär-Insel.

Ebenfalls auf der Primär-Insel stehen drei Tiere, die an kauernde Frösche mit riesigen bezahnten Mäulern erinnern. Richard Owen hatte diese Tiere als Labyrinthodon beschrieben und anhand der ihm vorliegenden Fossilien korrekt als prähistorische Amphibien identifiziert. Die Figuren im Crystal Palace Park stellen zwei verschiedene Arten dar, Mastodonsaurus jaegeri (ehemals Labyrinthodon salamandroides) mit glatter Haut und Cyclotosaurus pachygnathus (ehemals Labyrinthodon pachygnathus) mit warziger Haut. Allerdings sind die Rekonstruktionen der vom Perm bis zur Trias lebenden Tiere viel zu froschähnlich geraten. Die Tiere sahen vermutlich eher Krokodilen ähnlich. Es handelte sich um Fleischfresser, die Fischen und kleineren Landwirbeltieren nachstellten.

Plesiosaurier (vorne) und meeresbewohnende Krokodile der Gattung Teleosaurus (hinten).

Im Wasser um die Primär-Insel herum stehen Figuren verschiedener meeresbewohnender Reptilien. Bei den vier langhalsigen Tieren handelt es sich um Plesiosaurier, die in den Meeren von Trias und Jura Fische und andere Meerestiere jagten. Die Statuen stellen drei verschiedene Arten dar, Plesiosaurus dolichodeirus, Plesiosaurus macrocephalus und Thalassiodracon hawkinsi. Als die Figuren für den Crystal Palace Park entstanden, war schon relativ viel über Plesiosaurier bekannt. Die ersten Fossilien dieser Tiere waren nämlich bereits einige Jahrzehnte zuvor von der englischen Fossiliensammlerin und Vorreiterin der Paläontologie Mary Anning (1799-1847) entdeckt und beschrieben worden. Anning hatte schon 1823 ein nahezu komplettes Plesiosaurier-Skelett rekonstruiert. So stellen die Figuren im Park die Tiere auch weitestgehend korrekt dar, allerdings wirken die Hälse zum Teil übertrieben flexibel.

Bei diesem Ichthyosaurier ist der knöcherne Skleralring um das Auge gut zu erkennen.

Mary Anning war auch am Fund des ersten wissenschaftlich beschriebenen Skeletts eines Ichthyosauriers beteiligt. Im Dinosaur Court lassen sich drei Statuen dieser Fischechsen finden, die Arten aus Trias und Jura nachempfunden sind (Ichthyosaurus communis, Leptonectes tenuirostris und Temnodontosaurus platyodon). Die Rekonstruktionen von Hawkins und Owen ähneln aber eher Krokodilen als Ichthyosauriern. Tatsächlich besaßen die Tiere große Rücken- und Schwanzflossen, die ihnen eine eher hai- oder delfinähnliche Erscheinung verliehen. Sie jagten Meerestiere, wie Fische und Kopffüßer. Grundsätzlich korrekt sind die Augen der Tiere dargestellt, die von einem knöchernen Skleralring umgeben sind. Dieser diente dazu, das Auge bei unterschiedlichen Wasserdrücken in Form zu halten. Allerdings war er, anders als bei den Modellen, von außen nicht sichtbar, sondern mit Haut bedeckt. Auch nach heutigem Wissenstand weitestgehend korrekt rekonstruiert sind die beiden meeresbewohnenden Krokodile aus dem Jura (Teleosaurus). Sie ähnelten heute lebenden fischfressenden Krokodilen und ernährten sich vermutlich auch vergleichbar.

Die Statue von Megalosaurus zeigt den großen Fleischfresser als buckelige Riesenechse.

Unter den Crystal Palace Dinosaurs befinden sich genaugenommen nur drei Arten echter Dinosaurier, die alle auf der Sekundär-Insel stehen. Der Begriff Dinosaurier geht auf Richard Owen persönlich zurück, der ihn 1842 anhand von drei Gattungen festgelegt hatte: Megalosaurus, Iguanodon und Hylaeosaurus. Und genau diese drei lassen sich auch im Crystal Palace Park entdecken und sind wohl die bekanntesten Statuen des Parks. Das Modell von Megalosaurus zeigt ein großes sich auf vier Beinen fortbewegendes Tier, das entfernt an einen buckeligen Waran erinnert. Megalosaurus war der erste wissenschaftlich beschriebene Dinosaurier überhaupt. Hawkins‘ und Owens Rekonstruktion gründete allerdings nur auf Teilen des Kiefers und einigen weiteren Knochen. Der Großteil des Modells basierte auf vermuteten Ähnlichkeiten mit heute lebenden Reptilien. Tatsächlich lief der im Jura lebende Megalosaurus auf zwei Beinen und ähnelte anderen großen fleischfressenden Dinosauriern, wie dem heute bekannteren Tyrannosaurus rex. Dass sich einige Dinosaurier auf zwei Beinen fortbewegten, war damals allerdings noch völlig unbekannt.

Der spitze Daumen von Iguanodon wurde als Horn auf der Nase interpretiert.

Iguanodon begegnet den Besuchern des Parks als gigantischer Leguan. Diese pflanzenfressenden Dinosaurier aus der Kreide wurden zunächst anhand nur weniger Fossilien identifiziert. Der englische Arzt und Geologe Gideon Mantell (1790-1852) hatte als erster richtig erkannt, dass die fossilen Zähne dieses Tieres zu einem riesigen Reptil gehören mussten. Auf Grund von Ähnlichkeiten zu den Zähnen heutiger Leguane gab er ihm den Namen Iguanodon („Leguan-Zahn“). Und das ist wohl auch der Grund, warum Owen das Iguanodon so leguanähnlich vermutete. Laut modernen Rekonstruktionen besaßen die Tiere aber deutlich weniger gedrungene Körper und konnten sich sowohl auf zwei als auch auf vier Beinen fortbewegen. Völlig falsch an der Rekonstruktion ist übrigens das kleine Horn auf der Nase von Iguanodon. Bei diesem handelt es sich in Wirklichkeit um einen spitzen Daumen, der den Tieren wohl zur Abwehr von Fressfeinden diente.

Einer der beiden Flugsaurier hat Schaden genommen; ihm fehlen Ober- und Unterkiefer.

Der dritte unter den echten Dinosauriern im Park ist Hylaeosaurus. Hawkins‘ und Owens Rekonstruktion dieses Pflanzenfressers aus der Kreide erscheint ebenfalls leguanähnlich mit spitzen Stacheln auf dem Rücken. Tatsächlich hatten diese Tiere aber einen deutlich flacheren Körperbau und waren stark gepanzert. Die Hylaeosaurus-Statue im Crystal Palace Park wendet ihren Kopf von den Besuchern ab. Der Grund für diese Darstellung ist vermutlich, dass der Vorderkörper wegen der knappen Fossilfunde nahezu komplett spekulativ war. Auch nach heutigem Wissen recht treffend dargestellt sind hingegen die kleinen Flugsaurier (Pterodactylus), die etwas erhöht ebenfalls auf der Sekundär-Insel platziert wurden. Ursprünglich existierten vier Figuren dieser geflügelten Tiere, von denen heute aber nur noch zwei erhalten sind. Pterodactylus lebte vom Jura bis zur Kreide und ernährte sich wohl von kleinen Fischen und anderen Tieren, die er an Gewässern jagte.

Schwer zu entdecken ist der Mosasaurus, der seinen Kopf zwischen Sekundär- und Tertiär-Insel hervorstreckt. Sein Körper bleibt den Blicken der Besucher komplett verborgen. Wahrscheinlich ist der Grund dafür, dass, ähnlich wie beim Hylaeosaurus, zu spekulative Teile der Rekonstruktion versteckt werden sollten. Als die Figur entworfen wurde, war nämlich ausschließlich der Schädel dieser großen räuberischen Meeresechse aus der Kreide bekannt.

Die Statue des Riesenfaultiers Megatherium.

Auf der Tertiär-Insel lassen sich verschiedene prähistorische Säugetiere finden. Die Rekonstruktionen sind durchweg recht treffend, wahrscheinlich wegen der größeren Ähnlichkeit zu heute lebenden Arten und der besseren Verfügbarkeit von Fossilien. Bei den an Tapire erinnernden Tieren handelt es sich um Unpaarhufer der Gattung Palaeotherium. Sie waren Pflanzenfresser und lebten im Paläogen. Vermutlich mit den heutigen Kamelen verwandt war das Anoplotherium. Eine kleine Gruppe von drei Exemplaren dieser Pflanzenfresser aus dem Paläogen lässt sich am Ufer der Insel ausmachen. Das mit Abstand größte Tier auf der Tertiär-Insel ist das Megatherium. Dieses Riesenfaultier lebte im Neogen und Quartär. Megatherium starb erst nach dem Ende des letzten Eiszeitalters aus. Diese großen Pflanzenfresser aus Südamerika gehörten zu den ersten wissenschaftlich beschriebenen prähistorischen Tieren überhaupt und spielten dadurch bei der Etablierung der Paläontologie als Wissenschaftsdisziplin eine bedeutende Rolle.

Der Riesenhirsch Megaloceros auf der Quartär-Insel.

Die letzte Insel des Dinosaur Court ist die Quartär-Insel. Hier befindet sich eine Gruppe von Riesenhirschen (Megaloceros). Diese Tiere lebten während des letzten Eiszeitalters in weiten Teilen Eurasiens und Nordafrikas und starben erst vor rund 7600 Jahren aus. Die Rekonstruktionen zeigen sie korrekt als moderne Hirsche, bei denen die Männchen gewaltige Geweihe besaßen. Ursprünglich trugen die Statuen im Park sogar echte fossile Megaloceros-Geweihe. Allerdings erwiesen sich diese als zu schwer, so dass sie gegen Repliken ausgetauscht werden mussten.

Die Statuen und ihre Umgebung sind insgesamt sehr detailliert gestaltet. So wurden die verschiedenen Inseln beispielsweise aus genau den Gesteinen errichtet, in denen die jeweiligen Fossilien gefunden wurden. Das Gestein der Inseln stammt also aus der gleichen Zeit wie die darauf dargestellten Tiere. Die Einordnung der Statuen in die Erdgeschichte wird auch anhand von einem Modell eines geologischen Aufschlusses illustriert.

Modell eines geologischen Aufschlusses mit verschiedenen Gesteinsschichten.

Bei ihrer Errichtung war den Statuen eine doppelte Aufgabe zugedacht. Zum einen sollten sie zur Bildung der Bevölkerung dienen und ihnen die neusten Erkenntnisse der Wissenschaft näherbringen; zum anderen dienten sie aber auch zur Unterhaltung; schließlich war der Crystal Palace Park so etwas wie ein Vergnügungspark des viktorianischen Zeitalters. Heute können die Besucher sich beim Spaziergang durch den Park mit einem herunterladbaren Audio-Guide über die Geschichte der Figuren informieren. Leider hat der Zahn der Zeit in Form von Witterung und Vandalismus an den historischen Betonstatuen genagt. Schäden sind mittlerweile kaum zu übersehen. Für den Erhalt und die Restaurierung der Figuren setzen sich deshalb die Friends of Crystal Palace Dinosaurs ein.

Auch wenn sich bis heute vieles an den historischen Rekonstruktionen im Crystal Palace Park als inkorrekt herausgestellt hat, so spiegelten die Statuen zum Zeitpunkt ihrer Entstehung den damaligen wissenschaftlichen Kenntnisstand exakt wider. Die Erforschung ausgestorbener Lebewesen hatte zu dieser Zeit gerade erst begonnen und die Darwinsche Evolutionstheorie sollte erst einige Jahre später veröffentlicht werden. Zwar gab es Knochenfunde prähistorischer Tiere schon viel früher, doch wurden sie zuvor beispielsweise als Riesen oder Überreste der Sintflut interpretiert. Somit sind die Crystal Palace Dinosaurs trotz, oder gerade wegen, des Verlusts wissenschaftlicher Aktualität ein einzigartiges Zeugnis der Erforschung der Vergangenheit.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

2 Gedanken zu „Im Reich der viktorianischen Dinosaurier

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