Leben in absoluter Dunkelheit

Tausendfüßer aus der Voronya-Höhle (Bild: Sofia Reboleira)

Forscher dokumentierten erstmals Tiere in der tiefsten Höhle der Welt.

Bis in die frühe Neuzeit galten Höhlen in vielen Gegenden als Eingangspforten in die Hölle. Diese Vorstellung wird im Deutschen auch durch den gemeinsamen Wortstamm der beiden Begriffe „Höhle“ und „Hölle“ deutlich. Menschen, die ein Interesse für Höhlen zeigten, wurden sogar dafür angeklagt, mit der Unterwelt Kontakt aufnehmen zu wollen. Auch wenn sich in Höhlen nicht die Seelen der Verdammten finden lassen, so kommen doch erstaunlich viele, oft bizarre Lebewesen in diesen verborgenen Welten vor. Mit Hilfe moderner Kletter- und Tauchausrüstung sind Forscher heute dazu in der Lage, immer tiefer in noch unbekannte Höhlensysteme vorzudringen.

Die Voronya-Höhle (auch Krubera-Höhle) ist die tiefste bekannte Höhle der Welt. Diese Kalksteinhöhle befindet sich im westlichen Kaukasus (Abchasien), nur etwa 15 km vom Schwarzen Meer entfernt. Ihr Alter wird auf über 5 Millionen Jahre geschätzt. Der Name Voronya-Höhle (russisch für „Krähen-Höhle“) geht auf Krähennester zurück, die frühe Forscher am Höhleneingang fanden. Obwohl erste Begehungen dieser einzigartigen Höhle schon Anfang des 20. Jahrhunderts stattfanden, geriet sie (auch aufgrund politischer Ereignisse) immer wieder in Vergessenheit und wurde nur selten für wissenschaftliche Untersuchungen aufgesucht. Die meisten Entdeckungen in der Höhle wurden daher erst seit 2001 gemacht.
Im Jahr 2010 wurde erstmals die Lebensgemeinschaft der Voronya-Höhle im Rahmen einer Expedition wissenschaftlich untersucht. Eine Studie über die Ergebnisse dieser Expedition wurde nun von Alberto Sendra und Sofia Reboleira in der Fachzeitschrift International Journal of Speleology veröffentlicht. Die Forscher untersuchten sowohl die trockenen Areale als auch die wassergefüllten Bereiche tief im Inneren der Höhle, die bis zu einer Tiefe von 2197 m hinab reichen.

Der Pfeil zeigt den Zugang zur Voronya-Höhle (Bild: Sofia Reboleira)

Um die Voronya-Höhle betreten zu können, mussten die Wissenschaftler zunächst einen Zugang, der 60 m steil in die Erde führt, überwinden. Der Höhleneingang ist eine gefährliche Stelle, nicht nur für die Forscher. Viele Organismen fallen in die Grube hinein und können sich dann meist nicht mehr befreien. Es sind hauptsächlich kleine Tiere, die an der Erdoberfläche im Laub zu finden sind, wie Käfer, Spinnen und Milben. Aber einige von ihnen verenden nicht in der Höhle: Sie überleben in der Dunkelheit, da sie für ihre Ernährung nicht auf lebende Pflanzen angewiesen sind. Laub oder Pilze, die ebenfalls in die Höhle fallen, dienen ihnen als Nahrungsgrundlage.

Pseudoskorpion (Neobisium birsteini) aus der Voronya-Höhle (Bild: Sofia Reboleira)

In den tieferen Bereichen der Höhle gibt es deutlich weniger Lebewesen als nahe der Oberfläche. Gelöste Partikel im ständig einsickernden Wasser bilden hier die karge Grundlage der Nahrungskette. In einer Tiefe von etwa 1400 m stießen die Forscher auf Lebewesen, die völlig anders aussehen als ihre oberirdisch lebenden Verwandten. Sie sind an das Leben in absoluter Dunkelheit angepasst. Ihre Körper erscheinen weiß und sie besitzen keine Augen. Ohne Licht haben Pigmente und Augen ihre Funktion verloren und wurden nach vielen Generationen unter der Erde zurückgebildet. Bei den blinden Tieren sind jedoch oft andere Sinne besonders stark ausgeprägt. So können sie zum Beispiel ausgesprochen gut hören, tasten oder riechen. Sie sind so sehr an ihren Lebensraum gebunden, dass sie nicht außerhalb der Höhle überleben können. Die Forscher fanden in den großen Tiefen der Voronya-Höhle überraschend viele Arten, darunter augenlose Springschwänze und Tausendfüßer. Sogar ein Tier, welches in dieser Dunkelheit auf Beutefang geht, wurde dort gefunden: Ein sogenannter Pseudoskorpion, der zu den Spinnentieren gehört.

Die Höhlenforscherin Sofia Reboleira nimmt Proben im Inneren der Voronya-Höhle (Bild: Alberto Sendra)

Viele Teile der Höhle stehen unter Wasser. Ohne spezielle Tauchausrüstung wäre es für die Wissenschaftler unmöglich gewesen, diese Becken zu überwinden. Am Ende der Höhle in über 2000 m Tiefe sammelt sich das Wasser in einem letzen Becken. Und auch hier stießen die Forscher auf Leben: Eine feingliedrige Süßwassergarnelen-Art und eine erstaunlich große Art von Flohkrebsen (etwa 20 mm lang) mit langen Antennen zur Orientierung.

Höhlen beherbergen oft einzigartige Organismen. Vorfahren dieser Lebewesen sind vor langer Zeit in die Höhlensysteme gelangt, haben in ihnen geeignete Bedingungen vorgefunden und sich an den besonderen Lebensraum nach und nach angepasst. Vielleicht waren diese fremdartigen Lebewesen zum Teil auch schon den Menschen in der Vergangenheit bekannt und nährten die Legenden über Höhlen als Pforten zur Hölle.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

2 Gedanken zu „Leben in absoluter Dunkelheit

  1. „… die bis zu einer Tiefe von 2197 m unter dem Meeresspiegel hinab reichen.“

    Dies ist leider nicht richtig. Die komplette bekannte Höhle liegt über dem Meerespiegel, da der Eingang der Höhle auf 2250 Meter über NN liegt (http://de.wikipedia.org/wiki/Voronya-H%C3%B6hle). Es fehlen noch 60 Meter bis zum Meerespiegel.

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