Das Old Operating Theatre in London

Blick in den historischen Operationssaal (Bild: Michael Reeve; CC-BY-SA-3.0-Lizenz)

Ein einzigartiges Museum präsentiert einen Operationssaal aus der Zeit vor Narkosemitteln und Antiseptika sowie eine historische Kräuterkammer.

Eine steile hölzerne Wendeltreppe führt uns auf den Dachboden der St. Thomas‘ Church, einer ehemaligen Kirche in London. Hier befindet sich das Old Operating Theatre Museum and Herb Garret, in dem es den ältesten noch erhaltenen Operationssaal Europas und eine historische medizinische Kräuterkammer zu sehen gibt.

Oben angekommen erblicken wir im Eingangsbereich des Museums diverse medizinische Glas- und Keramikgefäße neben anatomischen Modellen. Dunkel verfärbtes Gebälk stützt das Dachgeschoss des Kirchengebäudes. Hier war einst die Kräuterkammer des ehemals benachbarten Krankenhauses, dem St. Thomas‘ Hospital, untergebracht. Ab Anfang des 18. Jahrhunderts wurde diese Kräuterkammer von den Apothekern des Krankenhauses genutzt, um Heilpflanzen zu trocknen und Medikamente für die Patienten herzustellen. Das St. Thomas‘ Hospital wurde bereits im Mittelalter gegründet und war zunächst vor allem für arme oder obdachlose Patienten vorgesehen, die sich eine private Behandlung zu Hause nicht leisten konnten. Im Laufe der Zeit wurde das Krankenhaus dann immer wieder vergrößert und neue Stationen kamen hinzu.

Verschiedene Exponate des Museums

Auf historischen Schränken mit vielen kleinen Schubladen sind verschiedene tierische und pflanzliche Arzneimittel platziert: Austern- und Schneckenschalen, Schwämme, getrocknete Krokodile, Hirschgeweihe und eine Kakao-Frucht stehen hier dicht beieinander. Man mag es kaum glauben, doch all diese Materialien fanden Verwendung in der Medizin. Zerkleinerte Austernschalen waren beispielsweise Bestandteil eines Medikamentes gegen Blasensteine, das im 18. Jahrhundert auch im St. Thomas‘ Hospital verschrieben wurde, und Hirschgeweih-Extrakt kam bei Fieber, Epilepsie und Pocken zum Einsatz (weitere Beispiele für historische Arzneimittel lassen sich in unseren Artikeln über das Pharmacognostische Cabinet in Marburg und das Historische Apothekenmuseum in Klausenburg finden).

Ein Sammelsurium pflanzlicher und tierischer Arzneimittel

Diverse getrocknete Pflanzen hängen im schummrig beleuchteten Museum von den Balken. In geflochtenen Körben liegen Pflanzensamen, Wurzeln und zerkleinerte Blätter. Instrumente zum Pulverisieren und Wiegen von Arzneimitteln stehen auf Schränken und in Vitrinen. So oder so ähnlich muss es hier ausgesehen haben, als die Apotheker Medikamente gegen Kopfschmerzen, Wurminfektionen oder Fieber herstellten. Eine der gezeigten Heilpflanzen ist der Echte Beinwell (Symphytum officinale), der zur Behandlung von Wunden und sogar bei Knochenbrüchen eingesetzt wurde. Auch heute noch findet die Pflanze beispielsweise bei Muskelbeschwerden Verwendung. Extrakte aus Rosmarin (Rosmarinus officinalis) wurden als Mittel gegen diverse Krankheiten verschrieben und sollten zudem die Gedächtnisleistung verbessern. Und der Arznei-Engelwurz (Angelica archangelica) half angeblich gegen die Pest.

Im Dachstuhl der ehemaligen Kirche befand sich einst die medizinische Kräuterkammer des St. Thomas‘ Hospital.

Im 18. Jahrhundert gab es zwar große Fortschritte in der Medizin, doch auch einige magisch-esoterische Praktiken spielten weiterhin eine Rolle. Im Museum stoßen wir auf ein äußerst merkwürdiges Rezept eines Mediziners, der Anfang des 18. Jahrhunderts im St. Thomas‘ Hospital tätig war. Es beschreibt eine Arznei namens Snailwater (Schneckenwasser), die unter anderem aus zerstampften Weinbergschnecken und Regenwürmern bestand und gegen Geschlechtskrankheiten eingesetzt wurde. Geschlechtskrankheiten waren im London des 18. Jahrhunderts weit verbreitet und im Krankenhaus wurde strikt darauf geachtet, dass Männer und Frauen in verschiedenen Bereichen untergebracht waren.

Im Rahmen weiterer Umbaumaßnahmen an der St. Thomas‘ Church wurden Teile des Dachstuhls zu einem Operationssaal (Operating Theatre) für Frauen ausgebaut, der 1822 eröffnet wurde, und die Nutzung des Gebäudes als Kirche aufgeben. Ein Operationssaal für Männer existierte schon seit 1751 am St. Thomas‘ Hospital, während die weiblichen Patienten vor der Errichtung des neuen Saales in einem Teil der Frauen-Krankenstation operiert wurden, dessen Ausstattung jedoch längst nicht mehr den Ansprüchen genügte. Wir gelangen über eine kleine Holztreppe in den Operationssaal. Fünf im Halbkreis angeordnete, erhöhte Ränge im Saal boten Platz für rund hundert Studenten und andere Interessierte, die bei einer Operation zusehen und die entsprechenden Techniken lernen wollten. Tageslicht fällt von oben in die Mitte des Saales, wo ein hölzerner Operationstisch steht.

Pflanzliche Heilmittel waren von großer Bedeutung.

Eine Operation war zur damaligen Zeit eine äußerst strapaziöse Prozedur, vor allem für die Patienten. Als der Operationssaal eröffnet wurde, gab es noch keine Narkosemittel. Um die Patienten nicht unnötig zu belasten, mussten Operationen sehr schnell durchgeführt werden. So lässt sich im Museum lesen, dass Amputationen von einzelnen Zehen mit einem scharfen Meißel und einem Hammer durchgeführt wurden. Andere, teils furchterregend aussehende, historische Instrumente zum Sägen, Spreizen, Fräsen und Klemmen sind in den Vitrinen zu sehen. Erst nach 1846 wurden bei Operationen Narkosemittel, wie Ether oder Chloroform, eingesetzt, die die Eingriffe erträglicher machten.

Historische medizinische Instrumente

Man kann sich vorstellen, wie blutig solche Operationen gewesen sein mussten. Auf Hygiene wurde jedoch nicht sonderlich Wert gelegt, da die Ansteckungswege und -ursachen noch weitestgehend unbekannt waren. Die mit Blut und Eiter beschmutzten Schürzen, welche die Mediziner trugen, sollten vor allem sie selbst vor Spritzern schützen. Wundverbände wurden oft mehrfach benutzt und viele Patienten, die zwar die Operationen überlebten, starben anschließend an Infektionen. Der britische Mediziner Joseph Lister (1827-1912) versuchte diese hohe Sterblichkeit zu senken und experimentierte mit einer antiseptischen Phenollösung, die während Operationen versprüht wurde, um die Keime an Händen und Instrumenten der Ärzte abzutöten. Im Jahr 1865 wurde seine Methode erstmals mit Erfolg angewandt, doch in diesem Operationssaal kam sie nicht mehr zum Einsatz: Das St. Thomas‘ Hospital, einschließlich des Operationssaals und der Kräuterkammer, schloss 1862 am alten Standort, da es wegen Baumaßnahmen an Londons wachsendem Schienennetz in ein neues Gebäude umziehen musste.

Nach dem Wegzug des Krankenhauses wurde der Dachstuhl mit dem Operationssaal und der Kräuterkammer verschlossen und geriet mehr oder weniger in Vergessenheit; erst rund hundert Jahre später wurde ihm wieder Aufmerksamkeit geschenkt. Die lange vernachlässigten Räumlichkeiten wurden aufwendig renoviert und im Jahr 1962 schließlich als Museum wiedereröffnet. Dort werden nun neben Schriftstücken, Lehrmodellen, menschlichen Präparaten, Apparaturen und medizinischen Instrumenten aus der Zeit des Operationssaals, auch Zeitdokumente aus anderen Krankenhäusern, wie dem Guy’s Hospital präsentiert, welches damals solche Patienten aufnahm, die als unheilbar oder geisteskrank galten. Zwar wird im Old Operating Theatre heute niemand mehr operiert, aber es gibt diverse andere Veranstaltungen, wie zum Beispiel Vorträge oder Vorführungen, bei denen sich die Besucher auf den Rängen versammeln und diesen geschichtsträchtigen Ort wieder lebendig werden lassen.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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