Über Mythen und Missbildungen – „Tanz der Gene – Von Zwittern, Zwergen und Zyklopen“ von Armand Marie Leroi

Darstellungen des „Ungeheuers von Ravenna“

Ein faszinierendes Sachbuch über Fehlentwicklungen des menschlichen Körpers.

Meerjungfrauen und Zyklopen gibt es nicht? Das Buch „Tanz der Gene – Von Zwittern, Zwergen und Zyklopen“ von Armand Marie Leroi belehrt uns eines Besseren. Genauer gesagt, klärt es uns über die biologischen Hintergründe solcher Fabelwesen auf. Denn oftmals stecken hinter diesen scheinbaren Fantasiegestalten Erkrankungen, die während der Entwicklung des menschlichen Körpers auftreten können. Einige dieser Erkrankungen sind nicht sehr problematisch für die Betroffenen (wie die Bildung eines sechsten Fingers), andere führen jedoch zu tödlichen Deformationen des Körpers. Verschiedene Missbildungen nährten die merkwürdigsten Legenden über ihre Entstehung.

Siamesische Zwillinge in verschiedener Ausprägung

Bis in die frühe Neuzeit wurden Deformationen des Körpers als böses Omen oder als Strafe Gottes angesehen. Sehr bekannt wurde damals der Fall eines Kindes, welches Anfang des 16. Jahrhunderts im norditalienischen Ravenna, während des dort tobenden Krieges, mit schweren Missbildungen zur Welt kam. Der florentinische Apotheker Luca Landucci beschrieb, dass dem Kind ein langes Horn auf dem Kopf wachse, dass es statt Armen zwei Flügel wie eine Fledermaus besessen habe und, während sich auf dem rechten Knie ein Auge befände, der linke Fuß den Krallen eines Adlers glich. Landucci hatte das Kind allerdings nie selbst gesehen und verließ sich auf eine (nicht sonderlich naturgetreue) Zeichnung. Die Geburt des sogenannten „Ungeheuers von Ravenna“ wurde damals als Vorzeichen für die anschließende Eroberung der Stadt gesehen.

Erst Ende des 16. Jahrhunderts wurde damit begonnen, die Ursachen für die Entstehung von „Monstren“ zu ergründen. Insbesondere galt allerdings immer noch der Zorn Gottes als eine der Hauptursachen, welcher dadurch heraufbeschworen wurde, dass man gegen religiöse Vorschriften verstieß, so zum Beispiel durch Geschlechtsverkehr während der Menstruation.
Das 17. Jahrhundert markiert den Beginn der Teratologie, also der „Wissenschaft von den Monstren“. Man fing an, entsprechende Präparate zu sammeln und zu katalogisieren. Es erschien eine ganze Reihe von Werken, in denen die frühen Wissenschaftler versuchten zu erklären, warum es zu diesen Fehlbildungen kam.

Lerois bereits 2004 auf Deutsch erschienenes Buch nimmt den Leser mit auf eine Reise zu den Anfängen der Teratologie. Doch es hört hier nicht auf: Ausführlich gibt der Autor, der selbst Entwicklungsbiologe ist, zu jedem Körperdefekt eine moderne Erklärung aus Genetik, Molekular- und Entwicklungsbiologie.
Im Laufe der einzelnen Kapitel werden verschiedene Aspekte der komplexen Entwicklung eines menschlichen Körpers detailliert beschrieben. Man erfährt, woher der Körper „weiß“ , aus welchen Zellschichten sich Organe, Nerven und Knochen bilden, wie das Herz auf eine bestimmte (meist die linke) Seite des Körpers gelangt, woher der Körper die Information bekommt, wie groß er werden soll und wie viele Finger sich an einer Hand befinden sollen. Auch erfährt man, was für Auswirkungen es haben kann, wenn Zellen falsche Anweisungen senden oder erhalten.
Das Buch ist recht anspruchsvoll geschrieben und man taucht zum Teil tief in die Entwicklungsbiologie ein. Viele der vermittelten Inhalte greifen dabei ineinander über, so dass beim Lesen immer wieder Aha-Erlebnisse auftreten. „Tanz der Gene“ ist allerdings kein nüchtern gehaltenes Sachbuch. Wo möglich, greift der Autor historische Berichte von Zeitzeugen und direkt Betroffenen auf und erzählt einfühlsam ihre persönlichen Geschichten, die oft von Unverständnis, Ausgrenzung und Leid geprägt waren.

Armand Marie Leroi „Tanz der Gene – Von Zwittern, Zwergen und Zyklopen“
Spektrum Akademischer Verlag; Taschenbuch; 432 Seiten; 14,95 Euro; ISBN: 978-3-8274-2084-8

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

3 Gedanken zu „Über Mythen und Missbildungen – „Tanz der Gene – Von Zwittern, Zwergen und Zyklopen“ von Armand Marie Leroi

  1. Prima Buchtipp, danke! Ich vermute allerdings, dass es für Non-Biologen zu kompliziert ist, oder werden für Personen ohne biologisches Fachwissen auch einige Basics erklärt?

  2. „Tanz der Gene“ ist ein populärwissenschaftliches Buch, allerdings sind Grundkenntnisse in Genetik und Entwicklungsbiologie sicherlich von Vorteil, um die beschriebenen Prozesse nachvollziehen zu können. Aber auch wenn man nicht jedes Detail versteht, ist das Buch sehr interessant zu lesen, vor allem wegen der vielen historischen Anekdoten, der Schilderungen der Erkrankungen und nicht zuletzt wegen des beeindruckenden Bildmaterials.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.