Altweibersommer

Bild: ŠJů; CC-BY-SA-3.0-Lizenz

Von Greisinnenhaaren, Gespinsten und Göttergewändern.

Es ist eine besonders schöne Zeit im Jahr, wenn die Tage kürzer werden und feine, schillernde Fäden wie schwerelos durch die Luft gleiten. Morgendliche Nebelschleier kriechen über raureifbedeckte Wiesen, bis die Sonne an Kraft gewinnt und sie verschwinden lässt. Man nennt diese Zeit den Altweibersommer.

Der Name des Altweibersommers soll auf einer Legende beruhen, der zufolge die silbrig glänzenden Fäden die langen Haare alter Frauen seien. Es heißt, wenn diese ihre Haarpracht kämmten, verfingen sich einzelne ihrer ergrauten Haare in Bäumen und Sträuchern. Der Begriff kann aber auch auf eine Metapher hindeuten, in der ein ganzes Jahr dem Leben eines Menschen gleichgesetzt wird und der Altweibersommer somit auf das unweigerlich kommende Lebens- und Jahresende hinweist.

Für das plötzliche Auftauchen der silbernen Fäden gab es aber auch viele andere Deutungen. Einigen Legenden zufolge soll es sich um Fasern handeln, die mit einem Spinnrad gesponnen wurden. Daher stammen auch Bezeichnungen wie Herbstgarn oder Graswebe. Als Urheber dieser Gespinste galten, je nach Legende, unter anderem Zwerge oder Frau Holle. Die Metten, mythische weibliche Wesen, welche im Wasser sitzen und Kinder zu sich herabziehen, wurden in Norddeutschland für die Gespinste verantwortlich gemacht. Anderen Legenden zufolge sollen die Fäden Hinterlassenschaften von Göttern sein. Wenn sich ihre feinen Gewänder in Zweigen verfangen und der Stoff zerreißt, soll schimmernde Seide zurückbleiben.

Die nur etwa zwei Millimeter großen Baldachinspinnen der Art Erigone atra treiben während des Altweibersommers in großer Zahl durch die Luft. (Bild: Michael Hohner; CC-BY-3.0-Lizenz)

Ob diese Sagen aber jemals für bare Münze genommen wurden, scheint fraglich. Der aufmerksame Beobachter sollte nämlich schnell die Ähnlichkeit der Fäden zu Spinnweben bemerken. Und tatsächlich werden die auffälligen Gespinste von Spinnen, insbesondere von den nur wenige Millimeter großen Baldachinspinnen (Linyphiidae), produziert. Diese Spinnfäden dienen den Tieren aber nicht zum Beutefang. Stattdessen nutzen die winzigen Spinnen ihre Fäden, um effektiv größere Distanzen zu überwinden. Dabei suchen sie einen erhöhten Ort auf, strecken ihre Beine und heben ihren Hinterleib in die Höhe, aus dem sie dann die Fäden ausscheiden. Bei guter Thermik wird der Spinnfaden anschließend mitsamt der Spinne in die Luft befördert. Die fliegenden Achtbeiner können so an einem Tag viele Kilometer zurücklegen.

Vor allem im frühen Herbst sind die klimatischen Bedingungen durch warme aufsteigende Winde ideal, um Unmengen der kleinen Spinnen gleichzeitig in die Luft zu befördern. Die Tiere können dabei nicht steuern, wohin sie fliegen. Über kurz oder lang verfangen sich ihre Fäden aber in der Vegetation und schaffen so den mystischen Anblick des Altweibersommers.

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