Ameisen im Atomwaffenbunker

Diese Kahlrückigen Waldameisen sitzen in der Falle. (Bild: Wojciech Stephan; CC-BY-4.0-Lizenz)

Forscher haben eine riesige Ansammlung von Ameisen entdeckt, die in einem stillgelegten Bunker in Polen gefangen ist.

Ameisen sind Überlebenskünstler. Sie bilden Staaten, in denen die Gruppenmitglieder gemeinsam zur Versorgung der Kolonie beitragen. Diese Arbeitsteilung macht Ameisen sehr erfolgreich und so können Ameisenkolonien auch an Orten mit nur wenig, weit verstreuter Nahrung überleben. Forscher um Wojciech Czechowski waren jedoch äußerst überrascht, als sie ein Ameisennest im Inneren eines alten Bunkers im Westen Polens, nahe der Grenze zu Deutschland, fanden. Ihre Entdeckung, über die sie in der Fachzeitschrift Journal of Hymenoptera Research berichteten, machten sie zufällig, als sie die dort überwinternden Fledermäuse untersuchen wollten.

Der Bunker, in dem die Ameisen gefunden wurden, ist Teil eines ehemaligen sowjetischen Bunkerkomplexes, der zur Lagerung von Atomsprengköpfen errichtet wurde. Der Komplex war von den späten 1960er Jahren bis 1992 in Betrieb, wurde dann jedoch stillgelegt und mittlerweile zum Teil abgerissen. Zwei unterirdische Bunker aus dickem Stahlbeton überdauerten, deren Eingänge blockiert wurden. Nur kleine Öffnungen blieben bestehen, die Fledermäuse nutzen, um im Inneren der Anlage zu überwintern. Mittlerweile kann man den verbliebenen Teil des Bunkerkomplexes allerdings wieder durch einige enge Spalten betreten.

Teil des Bunkerkomplexes (Bild: Wojciech Stephan; CC-BY-4.0-Lizenz)

Bei den Ameisen, die die Forscher im Atomwaffenbunker entdeckten, handelt es sich um Arbeiterinnen der Kahlrückigen Waldameise (Formica polyctena), auch Kleine Rote Waldameise genannt. Diese Art baut ihre großen Nester, in denen Millionen von Arbeiterinnen leben können, in der Regel in Wäldern. Meist gibt es in diesen Kolonien mehrere Königinnen, die Nachwuchs produzieren. Kahlrückige Waldameisen ernähren sich typischerweise von den Ausscheidungen pflanzensaftsaugender Insekten, wie Blattläusen. Sie fressen aber auch Pflanzensamen und jagen andere Insekten. Die Ameisen im Bunker leben in vollkommender Dunkelheit und haben dort eine scheinbar funktionierende Kolonie gegründet. Jedoch nur scheinbar; denn obwohl sich die Ameisen fast wie in einer richtigen Kolonie verhalten (so reparieren sie beispielsweise gemeinsam Schäden am Bau), fanden die Forscher keinerlei Anzeichen für Nachwuchs. Wahrscheinlich liegt dies an den gleichbleibend niedrigen Temperaturen und dem permanenten Nahrungsmangel. Auch konnten die Forscher im Bunker keine Königinnen nachweisen. Allerdings schließen sie nicht aus, dass gelegentlich welche dorthin gelangen.

Fast wie eine richtige Kolonie haben die im Bunker eingesperrten Tiere ein Ameisennest errichtet. (Bild: Wojciech Stephan; CC-BY-4.0-Lizenz)

Doch wie kommen die Tiere überhaupt in den unterirdischen Atomwaffenbunker? In der Mitte der Bunkerdecke fanden die Wissenschaftler einen Zugang in Form einer langen Röhre, die ursprünglich zur Ventilation der Räumlichkeiten diente. Außerhalb des Bunkers, ausgerechnet genau über dieser Röhre, entdeckten sie einen großen Ameisenhügel. Eine Metallplatte, die auf dem Zugang der Röhre liegt, ist im Laufe der Zeit durchgerostet und dies führt offensichtlich dazu, dass ständig Ameisen aus der Kolonie die etwa fünf Meter lange Röhre hinunterrutschen und in den Bunker fallen. Die Anzahl der in dem Bunker lebenden Tiere schätzten die Wissenschaftler auf mehrere hunderttausend.

Die Ameisen sitzen im Bunker in der Falle. Zwar konnten die Forscher beobachten, dass die Tiere gelegentlich an den Wänden hinaufklettern, nie aber wurden sie an der Decke mit der Röhre gesehen. Die im Bunker eingesperrten Tiere versuchen sich mit den unwirtlichen Bedingungen zu arrangieren. Die Nahrung ist allerdings äußerst knapp und der im Bunker verfügbare Fledermauskot reicht nicht aus, um potentielle Beutetiere der Ameisen in ausreichender Zahl zu ernähren. Tote Ameisen werden von den Arbeiterrinnen ordnungsgemäß aus dem Nest getragen und sammeln sich auf dem Boden um das unterirdische Ameisennest sowie in angrenzenden Räumen. Millionen toter Ameisenkörper bedecken den Boden mit einer dicken Schicht. Doch auch wenn die Sterberate um ein Vielfaches höher als unter freiem Himmel ist, werden die Ameisen im Atomwaffenbunker wohl nicht aussterben solange es das Mutternest gibt, denn zu regelmäßig fallen neue Ameisen durch die Röhre in das Gefängnis aus Stahlbeton.

Aus dem Schemenkabinett-Archiv

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