Ganz nah kommt man Wesen aus Sagen und Legenden in einer Ausstellung, die derzeit im Museum Abtei Liesborn zu sehen ist.
Was müssen das für Zeiten gewesen sein, in denen Kobolde und schwarze Geisterhunde noch mitten unter den Menschen lebten und Moosweibchen verborgen in den Wäldern hausten? Zumindest taten sie das in der menschlichen Vorstellung vergangener Jahrhunderte. In der Ausstellung „Fast vergessene Kreaturen“, die derzeit im Museum Abtei Liesborn im westfälischen Wadersloh gezeigt wird, werden verschiedene Fabelwesen und Sagengestalten des deutschsprachigen Raumes nun wieder lebendig – und zwar als lebensgroße Nachbildungen.
Wie eine Bauernstube ist der erste Raum der Ausstellung eingerichtet. Erst bei genauerem Hinsehen fallen hier die kleinen Hausgeister-Figuren auf, die sich überall verbergen. Eine von ihnen blickt hämisch hinter dem Ofenrohr hervor, eine andere hockt grinsend auf einer Münztruhe. Die ansprechend gestalteten Informationstexte, die in der Ausstellung wie Bücher auf Pulten bereitliegen, geben Aufschluss über diese sonderbaren Wesen, die einem heute oftmals unvertraut vorkommen. Der Kobold ist einer dieser Hausgeister und er kann ganz verschiedene Eigenschaften haben. So kann er Haus und Familie schützen und sogar tatkräftig im Haushalt mithelfen. In vielen Sagen ist er der ruhelose Geist eines Verstorbenen, vielleicht der einstige Erbauer des Anwesens. Er ist aber auch ein Wesen, das böse Streiche spielt. Insbesondere unter dem Einfluss der christlichen Kirchen wurde der Kobold als Hausteufel angesehen, den es zu bannen galt.
Die im Rahmen des Projekts Forgotten Creatures vom Künstler, Sagenforscher und Autor Florian Schäfer modellierten und bemalten Kreaturen wirken ziemlich lebensecht – zumindest soweit man das beurteilen kann, denn historische Quellen über das genaue Aussehen der sagenhaften Wesen sind oft knapp und teils widersprüchlich. Auch wurden viele der entsprechenden Geschichten lange nur mündlich überliefert und erst im 19. Jahrhundert schriftlich festgehalten.
Im zweiten Ausstellungsraum beeindruckt uns der fast menschengroße, grün-beschuppte Seebischof, der mit einem von Wasserpflanzen bewachsenen Krummstab und einem Fischernetz ausgestattet ist. Sein spitzer Kopf erinnert an eine Mitra, die Kopfbedeckung von Bischöfen, und auf seinem Körper haften Napfschnecken. Das sakral anmutende Wesen soll in den Tiefen des Meeres leben und spiegelt die Vorstellung einer Parallelwelt unter Wasser wider, die der an Land bis ins Detail entspricht, selbst in Hinblick auf ihre religiösen Institutionen. Möglicherweise spielten auch Fänge von Rochen, von denen in Nord- und Ostsee mehrere Arten vorkommen, bei der Entstehung dieses Fabelwesens eine Rolle – eine gewisse Ähnlichkeit ist jedenfalls nicht abzustreiten.
Ein Geisterhund mit tiefschwarzem Fell und rotglühenden Augen streift mit gebleckten Zähnen an einem Zaun entlang. Er gehört zu den sogenannten Dorftieren. Diesen begegnet man in der Nacht, auf einsamen Wegen oder Brücken. Dorftiere wirken vertraut, erscheinen in Gestalt von Hund, Kalb oder Ziege, sind aber eindeutig übernatürlich. Sie können mit dem Teufel im Bunde sein, führen Menschen in die Irre oder wollen sich der Seele einer sterbenden Person bemächtigen.
Hinter solch fantastischen Kreaturen steht eine reiche Kulturgeschichte und sie verraten viel über die Menschen der vorindustriellen Zeit; darüber was sie glaubten oder sich wünschten, wovor sie sich fürchteten – oder sich fürchten sollten. Fabelwesen hatten nämlich oft auch einen erzieherischen Charakter. So soll jungen Frauen, die abends unbegleitet das Haus verlassen, das kalbsgroße und krallenbewehrte Hötzelstier auflauern, um ihnen die Haare samt Kopfhaut abzureißen. Auf diese Weise ahndet das sonderbare Mischwesen, das mal mit Esel, Schwein oder Jagdhund verglichen wurde, den Verstoß gegen gesellschaftliche Konventionen der Keuschheit. Auch Naturdämonen dienten möglicherweise als Schreckgestalten, die etwa Kinder davon abhalten sollten in den Wald zu gehen. Die Gruppe kleingewachsener Waldgeister im dritten und letzten Raum der Ausstellung schreckt uns jedoch wenig. Eines der in Moos gekleideten Wesen hält Erdbeeren in der Hand und lächelt milde; sein runzliges Gesicht sieht wie Baumrinde aus. Diese Moosweibchen sind gute Geister des Waldes und sollen sehr hilfsbereit sein, sofern man ihnen Speiseopfer bringt. Sie selbst fürchten sich vor dem Geisterheer der „Wilden Jagd“, das ihnen immer wieder nachstellt.
Während einige Fabelwesen im deutschen Sprachraum weite Verbreitung fanden, teils in verschiedenen regionalen Varianten, sind andere an ganz bestimmte Orte gebunden. So wie der Rollibock, ein mit Eisplatten bedeckter, ziegenartiger Dämon, der am Großen Aletschgletscher in der Schweiz beheimatet sein soll. Mit Lawinen oder Steinschlägen, die er auslöst, wenn sich Menschen respektlos der Natur gegenüber verhalten, ist er ein Sinnbild für die in Gebirgsregionen oftmals zerstörerischen Naturkräfte. Religiöse Bittprozessionen, die ab dem 17. Jahrhundert am Rand des Gletschers abgehalten wurden, sollten den Dämon besänftigen. Heute sind solche Bräuche, wie auch das Wissen über viele der Wesen selbst, oftmals verloren gegangen.
Wer den fast vergessenen Kreaturen begegnen möchte, kann dies bei einem Besuch in der Ausstellung tun. Uns hat sie auf jeden Fall gefallen. Die Auswahl der behandelten Wesen ist vielfältig und umfasst neben heute kaum noch bekannten Gestalten auch solche, die bis in die Gegenwart populär geblieben sind, etwa Einhorn und Greif. Besonders fasziniert hat uns die gelungene visuelle Interpretation der Fabelwesen. Die Ausstellung im Museum Abtei Liesborn behandelt zudem auch einige lokale Sagen aus Westfalen, die man sich teils auch über eine Hörstation anhören kann. „Fast vergessene Kreaturen“ wird an diesem Ort noch bis zum 19. April 2026 zu sehen sein; ab dem 15. Mai 2026 wird die Ausstellung dann in leicht veränderter Konstellation im Packhof Hannoversch Münden gezeigt. Weitere Stationen sind geplant und werden auf der Website zur Ausstellung angekündigt.





